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Musikvideo des Monats: April 2010

Veröffentlicht: 01.05.2010 um 11:38 von Schaffi

So, da wären wir wieder. Der April ist gelaufen und hat uns in den vergangenen 30 Tagen eine ganze Menge Musikvideos beschert, die natürlich mal mehr und mal weniger gelungen sind. Zwischen langweiligen Totalausfällen und einzigartigen Ideen ist dieses Mal alles dabei, wobei gerade im oberen Bereich doch eine Menge Überraschungen vertreten waren. Insgesamt 35 für uns relevante Videos waren in der Vorauswahl, komplett überzeugen konnte selbstverständlich nur ein kleiner Teil davon. Aber was gab es denn im Bereich der Musikclips im April so Nennenswertes?

Fangen wir einfach mit dem typischen Einheitsbrei an. Reine Performance-Clips gab es natürlich wieder in rauen Mengen. Statt Fabrikhallen gab man sich indes zumindest bei der Wahl der Drehorte ein wenig innovativer. Ob auf einer Wiese wie BRAIN DRILL bei "Beyond Bludgeoned", oder hinter nassen und beschlagenen Glasscheiben wie PERIPHERY bei "Icarus Lives!", man versucht immerhin, ein wenig Abwechslung in das Ganze zu bringen. Was bei Letzteren noch ganz gut klappt, ist bei BRAIN DRILL aber ehrlich gesagt ziemlich langweilig geworden. "The Scourge" von MURDER THERAPY, "Incubus" von CRIMINAL und HEIDEVOLKs "Nehalennia" zeigen zudem einen neuen Trend: Gespielt wird jetzt bevorzugt einfach vor schwarzem Hintergrund. Das hebt natürlich die Musiker hervor, verlockt jedoch auch zum vorzeitigen Klick auf die Stopp-Taste, sorgt man mit einer parallel laufenden Handlung wie bei "Nehalennia" nicht zusätzlich für ein zusätzliches Spannungselement. Neben einem morbiden Schuppen in JUNGLE ROTs "Worst Case Scenario" wurde ansonsten noch in einem Kellergewölbe musiziert. Fragt einfach AGAINST THE PLAGUES nach ihrem Video zu "Great Are The Eyes". Einen grandios schlechten CGI-Hintergrund gibt es bei "The Letter" von LACRIMAS PROFUNDERE, wo der Sänger zudem den Eindruck macht, als wäre er aus der Bravo von letzter Woche ausgeschnitten und in die künstliche Umgebung gesetzt worden. Aber immerhin haben die restlichen Musiker einen richtigen Schattenwurf. Ist bei diesen Greenscreen-Produktionen nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Wer es gerne düsterer hat, kann bei SETHERIAL mit "A World In Hell" reinschauen. Sepiafilter und eine recht obskur geschnittene Performance sind atmosphärisch, zugleich aber auch an der Grenze zur Selbstkarikatur - aber das ist beim visuellen Aspekt des Black Metals ohnehin oft der Fall. Auch große Bands enttäuschen diesen Monat mit lahmen Performance-Clips. Man nehme beispielsweise die DEFTONES mit "Diamond Eyes". Da gibt es zwar zersplitterndes Glas und eine Eule - Eulen sind eigentlich immer für einen Bonuspunkt gut, siehe Archimedes (Link zu YouTube) - aber ansonsten gibt es, von der Hochwasserhose des Sängers abgesehen, absolut nichts zu bestaunen. Ähnlich schwach ist das BULLET FOR MY VALENTINE-Video zu "Your Betrayal". Eine platte Performance vor ein paar LED-Videowänden und ein bisschen Feuer im Vordergrund. Warum es keinen Link dorthin gibt, hat übrigens den einfachen Grund, dass Sony mithilfe von diversen Geo-IP-Sperren energisch versucht, jegliche kostenfreie Werbung für ihre Schützlinge zu unterbinden. Diesem noblen Vorhaben will ich natürlich nicht im Weg stehen. Aber glaubt mir, bei dem zahnlosen Sound verpasst man nicht einmal ein musikalisches Highlight. Abschließend gibt es doch noch einmal Ruinen zu bestaunen - ganz ohne geht es ja auch nicht: TAPROOT spielen ihren Song "Fractured (Everything I Said Was True)" vor einem verfallenen Gebäude und packen sogar eine rudimentäre Handlung dazu. Ganz nett dafür, wirklich!

Beliebt sind außerdem Live-Clips, da man ein paar Konzertaufnahmen schnell zusammen hat, sich so meist Geld spart und außerdem im Optimalfall ein gutes Konzertfeeling vermittelt. TOXIC HOLOCAUST ist das mit "Lord Of The Wasteland" weitgehend gelungen, wobei ihnen der kleine verschwitzte Club sehr entgegen kommt. Da kann man gar nicht anders, als die Live-Atmosphäre zu spüren - trotz des offensichtlich sehr geringen Budgets. Spaßig ist auch HATEBREEDs "Everyone Bleeds Now", da Live-Zusammenschnitte für diese Musik sowieso optimal sind. Warum jedoch eine Band wie HATEBREED Pyros braucht, muss man mir nochmal erklären. Den teuersten Eindruck im Live-Video-Bereich macht "Weed Out The Weak" von HYPOCRISY. Da wurde vermutlich auch viel Material während des Soundchecks gedreht. Handwerklich einwandfrei, wer mit Live-Clips nichts anfangen kann, darf dieses Video aber gerne übergehen. Eine Mischung aus Live-Konzert und Aufnahmen der Musiker in Tokio gibt es bei "Lonely" von ATREYU. Das Konzept, die Einsamkeit in der Großstadt mittels Zeitraffern zu visualisieren, ist interessant, die Umsetzung aber leider zu inkonsequent. Zwischendurch bekommt man doch den Eindruck, hier einfach eine Zusammenstellung gewöhnlicher Tourimpressionen zu sehen.

Alte Hasen und Kinder der 90er dürfte vielleicht PICTUREs "Now It's Too Late" interessieren. Der Clip zur Metalballade arbeitet mit ausgedehnten Über- und Einblendungen und erweckt so den Eindruck, schon vor anderthalb Dekaden entstanden zu sein. So sieht man den Sänger, der mich irgendwie an David Morse ("12 Monkeys", "Disturbia") erinnert, oftmals transparent in einem Eck, während der Rest des Bildausschnitts Szenen um eine gescheiterte Beziehung zeigen. Trashig oder oldschool? Ich denke beides! Während mich TAROTs "I Walk Forever" mit seinen beiden spazierenden Blues Brothers samt Tony Scott-Digioptik enttäuscht hat, konnte ich dem minimalistischen "Frozen" von BLACK SUN AEON schon etwas mehr abgewinnen. Bis auf Schwarz-/Weiß-Stilisierung und Makroaufnahmen gibt es eigentlich nur wenig zu sehen. Aber es passt halt doch irgendwie zur Musik. Ein Experiment, das man gut oder schlecht finden kann. Den meisten wird es wohl zu langweilig sein. Die größte Enttäuschung hinsichtlich der aufgewendeten Mittel stellt für mich "Fullmoon" von HEAVENLY dar. Der Clip fängt vielversprechend in einem Nachtclub an und die Produktionswerte sind erstaunlich hoch. Anstatt jedoch eine Geschichte zu erzählen, zeigt die Kamera lieber eine Orgie. Dazwischen steht der singende Uri Geller, umgarnt von einer Handvoll nackter Frauen. Ein paar Titten machen aber leider noch lange kein gutes Video. Schade. Fast genauso prollig sind GODSMACK mit "Cryin´ Like A Bitch (Link zu rocktube.us)". Dort gibt es nämlich eine ganze Menge Ausschnitte des UFC - böse dreinschauende Männer versuchen sich gegenseitig das Vakuum aus dem Schädel zu dreschen. Dann doch lieber die Brüste bei HEAVENLY.

Bevor wir nun zu den fünf besten Videos des Monats kommen, noch ein Wort zu den guten Clips, die es jedoch nicht bis an die Spitze geschafft haben: Da wären KIUAS - "Of Love, Lust And Human Nature", KINGS OF MODESTY - "Never Touched The Rainbow" und NECRONOMICON - "The Time Is Now". Alle drei paaren Performance mit einer parallel ablaufenden Story. Teilweise ein wenig klischeebeladen, aber nie langweilig. So ein wenig Handlung macht eben doch eine ganze Menge aus, wie auch der Popsong "In Passing" von INDICA zeigt. Die wenigen Szenen mit den Instrumenten müssen die Mädels indes noch üben. Die Gitarristen spielt ähnlich virtuos wie seinerzeit Dieter Bohlen im MODERN TALKING-Video zu "Win The Race". Erwähnswert ist außerdem "On The Run" von KONTRUST, das mit Männern in Balletkleidern schlimm anfängt, aber sich doch noch fängt. Ein klarer Fall, wo man mit wenig Mitteln, einer Idee und etwas Mut etwas Tolles erschaffen kann. Ebenfalls an der Top 5 vorbeigerauscht sind SICK OF IT ALL mit "Death Or Jail". Die Blaulicht-Beleuchtung ist cool, der Ansatz ungewohnt. Trotzdem fehlt im Gesamtbild der entscheidende Kick, der das Video wirklich erinnerungswürdig gemacht hätte.

#5 | LAIR OF THE MINOTAUR - Evil Power (Link zu Photobucket)

Okay, ich geb´s zu, hier kommt der Splatter-Fan in mir durch. Für Zartbesaitete ist "Evil Power" nichts, denn der Name ist Programm und wenn der Minotaurus loslegt, dann haben die Jungfrauen nichts zu lachen. Zimperlich waren LAIR OF THE MINOTAUR noch nie und dieses Video unterstreicht das nur allzu deutlich. Verdenken kann ich es ihnen nicht, ist dieser Clip doch ähnlich rau und dreckig wie die zugehörige Musik.


#4 | RAMMSTEIN - Haifisch (Link zu MySpace)

Nachdem die bisherigen Videos zu ihrem aktuellen Album eher mäßig waren, fahren RAMMSTEIN mit "Haifisch" nun doch noch die großen Geschütze ein. Eigentlich ist der Clip um die Beerdigung Till Lindemanns samt Leichenschmaus sogar zu perfekt. Ein bisschen kalt und durchkalkuliert wirkt das Video, was aber vermutlich so gewollt ist. Einziger Kritikpunkt ist für mich, dass Bild und Musik an manchen Stellen nicht hundertprozentig miteinander harmonieren wollen. Aber dafür gibt es für Fans viele Details zu entdecken und einige amüsante Verweise auf ältere Musikclips der Band. Und allein die Szene, in der die verbliebenen Musiker, schon nach einem Nachfolger ihres dahingeschiedenen Frontmanns suchen, ist grandios!


#3 | MEGADETH - The Right To Go Insane

Was "The Right To Go Insane" auszeichnet, ist nicht etwa die ungefilterte, dreckig-realistische Optik, oder die Tatsache, dass der Clip lose auf einer wahren Begebenheit basiert, sondern sind schlicht die spannende Inszenierung, ein unverbrauchter Ansatz sowie eine perfekte Symbiose aus Bild und Ton. Das Videomaterial ergänzt den Song um eine visuelle Ebene und macht wirklich ausnahmsweise Sinn, ist also nicht nur Mittel zum Zweck.


#2 | FINNTROLL - Under Bergets Rot

Nach dem langweiligen "Solsagan"-Video gelang FINNTROLL mit ihrem zweiten Clip zum aktuellen Album "Nifelvind" ein kleines Meisterstück. Das komplett animierte Filmchen im Papercut- / Comic-Stil ist nicht nur detailverliebt, sondern untermalt mit seiner Geschichte über eine ziemlich verrückte Bar die ausgelassene Folk-Stimmung des zugehörigen Songs perfekt. "Under Bergets Rot" ist kreativ, witzig und ein kaum steigerungsfähiges Video - eigentlich ein klarer Siegerclip, wäre da nicht noch ein anderer Kandidat vorbeigeschossen.


#1 | POLAR BEAR CLUB - Living Saints

Eigentlich stand für mich der Sieger des Monats mit "Under Bergets Rot" schon lange fest, doch dann kam quasi in letzter Minute noch "Living Saints" und zog auf der Zielgerade vorbei. Hier sieht man in weniger als drei Minuten ein unfassbares Maß an Kreativität; POLAR BEAR CLUB zeigen auf, dass man mit Greenscreen und Computer weit mehr anstellen kann als nur komische Hintergründe zu zeichnen. Das Video sprüht nur so von Leidenschaft und ist im Gegensatz zu den meisten anderen Clips des Monats kein reines Promotionwerkzeug, sondern gleichzeitig ein eigenständiges Kunstwerk. Daran merkt man, mit wieviel Herzblut die Band bei der Sache ist. Gratulation!


Für Anmerkungen, Kommentare und die eigenen Favoriten steht euch wie immer die Kommentar-Funktion offen. Falls ein Video nicht mehr funktionieren sollte, dann könnt ihr das dort auch einfach melden - besonders langlebig sind viele der Web 2.0-Inhalte ja bekanntlich nicht. Ansonsten findet ihr wie immer eine ganze Menge weitere Musikclips in unserem Videoportal.
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