DAS ALBUM, DAS KEINER WILL - Loutallicas groteskes Opus "Lulu"
Stichworte james hetfield, lou red, loutallica, lulu, metallica
Das mit Abstand beste Album 2011 war eindeutig und ohne Zweifel... Tadaah! LOUTALLICAs „Lulu“! Halt, nein, natürlich nicht. „Lulu“ ist wahlweise unhörbares Konglomerat kleinkindlicher Klangerforschung oder Audiotagebuch eines einstmals genial-sinistren, mittlerweile jedoch sehr dementen, spongiformen Geistes.
Die „vier anlehnungsbedürftigen und nach ochsenblutverdünntem Blindschleichenschnaps müffelnden Schrottplatzhunden aus Kalifornien“ (Dietmar Dath) taten sich zusammen mit einem alten Mann, der aussieht wie Keith Richards und ähnlichen Anteil an meiner musikalischen Sozialisation hatte wie jener: nämlich gar keinen.
Man tat sich also zusammen, und kein Mensch auf Gottes Erden weiß, warum und wozu. Befragt man Lars „mehr Silben als Beats“ Ulrich, kommt nix Vernünftiges aus seinem Mund. Denn wenn Lars „They're so talented“ Ulrich den Mund auftut zu sprechen, kommen nur Lügen und grober Unfug heraus, auch und gerade ungefragt. Das war schon immer so, das wird auch so bleiben.
James „I am the table“ Hetfield, denke ich mir, möchte vielleicht ungefragt bleiben und das alles ganz weit hinter sich lassen. Aber eine finst're Macht, wahrscheinlich Ulrich-Voodoo, presst ihm brave Beantwortungsbereitschaft ab, und legt ihm wahrscheinlich auch entsprechende Worte in den Mund. Nein, auch von Hetfield ist keine sinnstiftende Antwort zu erhalten, noch weniger von Kirk Hammett, der für mich stets eine Unstimmigkeit im Raumzeitkontinuum darstellte, ein Knick in der Optik, eine Art Phasenverschiebung: fehl am Platz, minimal störend, weitgehend geduldet.

Und an diesen Affen Trujillo werde ich nie mein Wort richten, er trägt Zöpfe, Kniesocken und zockelt im Krebsgang über die Bühne. Ich bin harsch, aber fair in meinen Anforderungen, und diese sehe ich bei Trujillo nicht im Ansatz erfüllt. Kein Wort an und von Trujillo – als wäre dieser Polterkopp der Wahrer der Antworten auf obige Fragen!
Altmeister Lou Reed? Dieser Mann macht mir Angst. Ich sah mich einmal – beruflich – mit der Gerontopsychiatrie konfrontiert: alte, ent- bis verrückte Menschen. Glaubt mir, die sind zu allem fähig. Richtet nicht das Wort an sie, wenn es nicht unbedingt sein muss – eine Konversation führt oft in den Strudel des Wahnsinns, nicht zuletzt für euch. Anzunehmen ist, dass Lou Reed sich wohl nicht einmal in einer Vorstufe hiervon befindet, vielleicht ist er „nur“ ent- bis verrückt, im umgangssprachlichen Sinne – und dennoch, ich halte unverrückbar an meinem Urteil fest: An diesen Mann (zumal sich die meisten Journalisten an diesem schrullschädlerten Griesgrumpf die Zähne und Diktiergeräte ausgebissen haben) sei kein Wort zu richten, so wie man Heroin auch nicht mal nur „ausprobiert, nur ein ganz kleines bisschen, da passiert schon nix“.
Warum und wozu „Lulu“? Oder, noch vorstufiger: Was zur Hölle ist das? Das sind die Fragen, die sich stellen, denn „Lulu“ ist kein Album, wie es Gegenstand der gängigen Erkiesen-wir-die-neue-AMON-AMARTH-oder-doch-die-neue-ARCH-ENEMY-zur-Plattedesmonats-Fließband-(Metal)-Musikkritik zu sein pflegt. „Lulu“ ist ein Phänomen, eine Erscheinung, eine Wunder- und im nicht wertenden Sinne Absonderlichkeit, die einen staunen macht und in Erregung (welcher Art auch immer) versetzt. Und woran die hiesige Musikkritik gescheitert ist:
Die szenige, weil sie über weite Strecken mit persönlichem Groll infiziert ist – „Bereits seit dem 'Black Album' sind Metallica für mich gestorben!“, und mit jedem weiteren Album starben sie noch viel mehr, Mann, die waren toter-als-tot, Mann!“ Verraten fühlten sie sich gar, einmal und dann immer wieder, „meist, weil Metallica-Fans sich an dem Gefühl des Verraten-worden-seins erfreuen“. (Chuck Klosterman)

„Heavy Metal gehört den Reptilien; Lou Reed ist eher ein Urmel. Es passt aber trotzdem prima.“
Die um demonstrative Aufgeschlossenheit bemühte Metalrezensensia („Für mich gibt es keine Musikstile, für mich gibt es nur gute Musik und schlechte Musik, und zufällig höre ich vornehmlich Metal, aber halt auch isländischen Triphop und mesotopotamischen Lehmflöten-Dance-Folk.“) wie die um Vollchecker-Anschein bemühte Avantgardpolizei erkennt dann wahrhaft Großes und Visionäres, setzt „verkorkst, missraten und unhörbar“ mit „interessant“ gleich. „Interessant“!
Und das außerszenische Gros, tja, die kennen alters- und musiksozialisierungsbedingt Lou Reed, Metallica kennen sie professionsbedingt: Wenn die beiden kollaborieren, dann MUSS darüber geschrieben werden, und dann fällt auch die Wiesagichsnur-Vokabel „Heavy Metal“, stets in Anführungszeichen :„'Heavy Metal' nennt sich ihr heftiger Musikstil“, dann kommt die rumpelig-blumige Aufzählung allerlei Bilder, mein eigenes Bassspiel (in grauer Vorzeit, als das Haar noch lang und der Geist reich an Visionen war) wurde mal von der Lokalblattjournaille als „murmelnder Gebirgsbach“ beschrieben; Exkurs zuende.
„Lulu“ ist aber zweifelsohne das relevanteste Album des Jahres. Kein Weg führt dran vorbei, es herrscht Darüber-schreiben-und-reden-Pflicht. Zwei urviechige Titanen mit diskutablen Bio- und Diskographien tun sich zusammen („Heavy Metal gehört den Reptilien; Lou Reed ist eher ein Urmel. Es passt aber trotzdem prima.“ Dietmar Dath) und machen was. Feuerwerk! Erdgrollen! Blätterrauschen! Und *zack* wird das CD gewordene ausgeschwitzte Seniorenfieber für die ganze Musikkritik zum Lackmustest (Hihi, dieses Wort ist so beschissen! Eine ähnlich altherren-versauerte Phrasenkartoffel wie „Ross und Reiter nennen“!):
Was taugt Musikkritik? Gelangt sie über hamsterradelnde Affirmation, über Metal-Ignoranz hinaus? Denkt sie weiter, denkt sie hoch hinaus?
Eines ist vielen Kritiken gemein, sie sind der in Wort gegossene Schreibfuror des Kritikers, dessen Geist zu Bestform aufläuft und die Säbel so genialisch schwingt wie nie; jeder verdammte Five-finger-death-punch geheimster Prügelwissenschaften wird ausgepackt, auf dass der Gegner gleichermaßen kunstvoll zerpflückt wie brachial eingematscht darniederliege.

Die limitierte Pringles-Edition.
Nicht feindselig, aber gewohnt voll-tollo-verbalo schrieb Dietmar Dath, einsames Mikroskop des Feuilletons, das sich auch mal Metal vor die Linse klemmt. Man muss seine Evolutionstheorie zur „Männerrockmusik“ nicht teilen: „Die wird, in allen der Menschheit bis jetzt untergekommenen Spielarten, von der sechsstündigen Hawkwind-Weltraum-Feedback-Pfeif-Rausch-Etüde bis zum Zwanzig-Sekunden-Blastbeat-Geschredder, für die städtischen Klangumwelten des einunzwanzigsten Jahrhunderts sein, was der Jugendstil für die visuelle Kunst des zwanzigsten war. Die Moderne, Freundchen, kommt gerade erst auf uns zu.“ Aber gedacht wurde!
Ebenfalls weiter gedacht und zudem harsch eingedroschen wurde östlich des Atlantiks: Die Crew von Metalsucks.net ereiferte sich und ergötzte sich an ihrem kollektiven Verreißen, war sich dessen wohl bewusst, brannte auch hier ein Sprachfeuerwerk ab und trumpfte mit zauberhaften Vergleichen und wagemutigen Schlussfolgerungen auf.
Sammy O'Hagar beispielsweise fragt, was wohl bewundernswerter und wagemutiger ist: eineinhalb Stunden repetitiven, verworren-aber-ungewöhnlichen Drecks zu produzieren, weil man mehr als genug Kohlen gescheffelt hat und sich leisten kann, zu tun, was auch immer man tun will – oder ein Orchester auf den Back-Catalogue zu klatschen und sich durch die Greatest Hits zu schrödeln? „Ich spreche mich nachdrücklich für Ersteres aus“, so O'Hagar.
Das Faszinosum „Lulu“ hat sie ausnahmslos ergreifen, und aus dem vor Staunen offenem Mund drängen die Fragen nach dem Waszumteufel, und hernach die Antworten, Bashings, Hypothesen, Spekulationen, Gedankenspielereien.
Zur vollen Kognitionsblüte reift das alles beim Essayisten Chuck Klosterman (den ich allen Lesern nur nachdrücklich anempfehlen kann!), von den Beschreibung gewordenen Empfindungen ganz abgesehen („Es könnte eine erfolgreiche Simulation des Gefühls sein, eine Schizophrenie zu entwickeln, während man zugleich Migräne hat – wenn auch ein bisschen weniger melodisch.“)
„Durch seine bloße Existenz steht 'Lulu'“, so Klosterman, „für mindestens vier Dinge:
# Zwei Künstler von historischer Bedeutung vermengen Genres ohne erkennbaren Grund.
# Erwachsene, selbstbewusste Musiker gehen ihrer eigenen kreativen Vision nach, frei von jedwedem kommerziellen Druck oder Verantwortung.
# Ein Versuch, etwas authentisches zu produzieren, das anders ist als alles, was wir je zuvor gehört haben, motiviert allein von dem Wunsch, zu sehen, was daraufhin geschehen würde.
# Ein selbstsicherer, aufrichtiger Versuch, arkane Hochkunst (Lulu basiert auf dem deutschen expressionistischen Theaters des frühen 20. Jahrhunderts) aufzugreifen und sie für Jeans tragende Teenager neu zu verpacken, die in der Provinz auf Parkplätzen Benzin schnüffeln.“
Mutet befremdlich an, entfacht aufs Neue den Groll, ist letztlich jedoch nicht zu bestreiten. „Ohne erkennbaren Grund“ – abermals das große Staunen, das Fragen, die Fassungslosigkeit.

We did it for the lulz.
„Lulu“ ist kein schlechtes Album. Es ist ein Album, das nicht sein können dürfte. Eine CD gewordene Unmöglichkeit. Ein Absurdum, das Albert Camus spätestens in seinen Existenzialismus getrieben hätte, „der Mythos des Luluphos“ quasi.
„Lulu“ ist „ein Album, das niemand will“ (Klosterman), und doch eines, das als einzigartiger Meilenstein in der Musikgeschichte emporragt. Wir alle sollten ihn fürchten, weil er unseren Ohren nichts Gutes tut. Wir sollten ihn schätzen, weil er uns, die Musikkritik, auf die Probe stellt. Und darauf untersucht, ob wir selbst nur in der Gegend herumstehen – oder den Weg zu weisen vermögen.
Die „vier anlehnungsbedürftigen und nach ochsenblutverdünntem Blindschleichenschnaps müffelnden Schrottplatzhunden aus Kalifornien“ (Dietmar Dath) taten sich zusammen mit einem alten Mann, der aussieht wie Keith Richards und ähnlichen Anteil an meiner musikalischen Sozialisation hatte wie jener: nämlich gar keinen.
Man tat sich also zusammen, und kein Mensch auf Gottes Erden weiß, warum und wozu. Befragt man Lars „mehr Silben als Beats“ Ulrich, kommt nix Vernünftiges aus seinem Mund. Denn wenn Lars „They're so talented“ Ulrich den Mund auftut zu sprechen, kommen nur Lügen und grober Unfug heraus, auch und gerade ungefragt. Das war schon immer so, das wird auch so bleiben.
James „I am the table“ Hetfield, denke ich mir, möchte vielleicht ungefragt bleiben und das alles ganz weit hinter sich lassen. Aber eine finst're Macht, wahrscheinlich Ulrich-Voodoo, presst ihm brave Beantwortungsbereitschaft ab, und legt ihm wahrscheinlich auch entsprechende Worte in den Mund. Nein, auch von Hetfield ist keine sinnstiftende Antwort zu erhalten, noch weniger von Kirk Hammett, der für mich stets eine Unstimmigkeit im Raumzeitkontinuum darstellte, ein Knick in der Optik, eine Art Phasenverschiebung: fehl am Platz, minimal störend, weitgehend geduldet.

Und an diesen Affen Trujillo werde ich nie mein Wort richten, er trägt Zöpfe, Kniesocken und zockelt im Krebsgang über die Bühne. Ich bin harsch, aber fair in meinen Anforderungen, und diese sehe ich bei Trujillo nicht im Ansatz erfüllt. Kein Wort an und von Trujillo – als wäre dieser Polterkopp der Wahrer der Antworten auf obige Fragen!
Altmeister Lou Reed? Dieser Mann macht mir Angst. Ich sah mich einmal – beruflich – mit der Gerontopsychiatrie konfrontiert: alte, ent- bis verrückte Menschen. Glaubt mir, die sind zu allem fähig. Richtet nicht das Wort an sie, wenn es nicht unbedingt sein muss – eine Konversation führt oft in den Strudel des Wahnsinns, nicht zuletzt für euch. Anzunehmen ist, dass Lou Reed sich wohl nicht einmal in einer Vorstufe hiervon befindet, vielleicht ist er „nur“ ent- bis verrückt, im umgangssprachlichen Sinne – und dennoch, ich halte unverrückbar an meinem Urteil fest: An diesen Mann (zumal sich die meisten Journalisten an diesem schrullschädlerten Griesgrumpf die Zähne und Diktiergeräte ausgebissen haben) sei kein Wort zu richten, so wie man Heroin auch nicht mal nur „ausprobiert, nur ein ganz kleines bisschen, da passiert schon nix“.
Warum und wozu „Lulu“? Oder, noch vorstufiger: Was zur Hölle ist das? Das sind die Fragen, die sich stellen, denn „Lulu“ ist kein Album, wie es Gegenstand der gängigen Erkiesen-wir-die-neue-AMON-AMARTH-oder-doch-die-neue-ARCH-ENEMY-zur-Plattedesmonats-Fließband-(Metal)-Musikkritik zu sein pflegt. „Lulu“ ist ein Phänomen, eine Erscheinung, eine Wunder- und im nicht wertenden Sinne Absonderlichkeit, die einen staunen macht und in Erregung (welcher Art auch immer) versetzt. Und woran die hiesige Musikkritik gescheitert ist:
Die szenige, weil sie über weite Strecken mit persönlichem Groll infiziert ist – „Bereits seit dem 'Black Album' sind Metallica für mich gestorben!“, und mit jedem weiteren Album starben sie noch viel mehr, Mann, die waren toter-als-tot, Mann!“ Verraten fühlten sie sich gar, einmal und dann immer wieder, „meist, weil Metallica-Fans sich an dem Gefühl des Verraten-worden-seins erfreuen“. (Chuck Klosterman)

„Heavy Metal gehört den Reptilien; Lou Reed ist eher ein Urmel. Es passt aber trotzdem prima.“
Die um demonstrative Aufgeschlossenheit bemühte Metalrezensensia („Für mich gibt es keine Musikstile, für mich gibt es nur gute Musik und schlechte Musik, und zufällig höre ich vornehmlich Metal, aber halt auch isländischen Triphop und mesotopotamischen Lehmflöten-Dance-Folk.“) wie die um Vollchecker-Anschein bemühte Avantgardpolizei erkennt dann wahrhaft Großes und Visionäres, setzt „verkorkst, missraten und unhörbar“ mit „interessant“ gleich. „Interessant“!
Und das außerszenische Gros, tja, die kennen alters- und musiksozialisierungsbedingt Lou Reed, Metallica kennen sie professionsbedingt: Wenn die beiden kollaborieren, dann MUSS darüber geschrieben werden, und dann fällt auch die Wiesagichsnur-Vokabel „Heavy Metal“, stets in Anführungszeichen :„'Heavy Metal' nennt sich ihr heftiger Musikstil“, dann kommt die rumpelig-blumige Aufzählung allerlei Bilder, mein eigenes Bassspiel (in grauer Vorzeit, als das Haar noch lang und der Geist reich an Visionen war) wurde mal von der Lokalblattjournaille als „murmelnder Gebirgsbach“ beschrieben; Exkurs zuende.
„Lulu“ ist aber zweifelsohne das relevanteste Album des Jahres. Kein Weg führt dran vorbei, es herrscht Darüber-schreiben-und-reden-Pflicht. Zwei urviechige Titanen mit diskutablen Bio- und Diskographien tun sich zusammen („Heavy Metal gehört den Reptilien; Lou Reed ist eher ein Urmel. Es passt aber trotzdem prima.“ Dietmar Dath) und machen was. Feuerwerk! Erdgrollen! Blätterrauschen! Und *zack* wird das CD gewordene ausgeschwitzte Seniorenfieber für die ganze Musikkritik zum Lackmustest (Hihi, dieses Wort ist so beschissen! Eine ähnlich altherren-versauerte Phrasenkartoffel wie „Ross und Reiter nennen“!):
Was taugt Musikkritik? Gelangt sie über hamsterradelnde Affirmation, über Metal-Ignoranz hinaus? Denkt sie weiter, denkt sie hoch hinaus?
Eines ist vielen Kritiken gemein, sie sind der in Wort gegossene Schreibfuror des Kritikers, dessen Geist zu Bestform aufläuft und die Säbel so genialisch schwingt wie nie; jeder verdammte Five-finger-death-punch geheimster Prügelwissenschaften wird ausgepackt, auf dass der Gegner gleichermaßen kunstvoll zerpflückt wie brachial eingematscht darniederliege.

Die limitierte Pringles-Edition.
Nicht feindselig, aber gewohnt voll-tollo-verbalo schrieb Dietmar Dath, einsames Mikroskop des Feuilletons, das sich auch mal Metal vor die Linse klemmt. Man muss seine Evolutionstheorie zur „Männerrockmusik“ nicht teilen: „Die wird, in allen der Menschheit bis jetzt untergekommenen Spielarten, von der sechsstündigen Hawkwind-Weltraum-Feedback-Pfeif-Rausch-Etüde bis zum Zwanzig-Sekunden-Blastbeat-Geschredder, für die städtischen Klangumwelten des einunzwanzigsten Jahrhunderts sein, was der Jugendstil für die visuelle Kunst des zwanzigsten war. Die Moderne, Freundchen, kommt gerade erst auf uns zu.“ Aber gedacht wurde!
Ebenfalls weiter gedacht und zudem harsch eingedroschen wurde östlich des Atlantiks: Die Crew von Metalsucks.net ereiferte sich und ergötzte sich an ihrem kollektiven Verreißen, war sich dessen wohl bewusst, brannte auch hier ein Sprachfeuerwerk ab und trumpfte mit zauberhaften Vergleichen und wagemutigen Schlussfolgerungen auf.
Sammy O'Hagar beispielsweise fragt, was wohl bewundernswerter und wagemutiger ist: eineinhalb Stunden repetitiven, verworren-aber-ungewöhnlichen Drecks zu produzieren, weil man mehr als genug Kohlen gescheffelt hat und sich leisten kann, zu tun, was auch immer man tun will – oder ein Orchester auf den Back-Catalogue zu klatschen und sich durch die Greatest Hits zu schrödeln? „Ich spreche mich nachdrücklich für Ersteres aus“, so O'Hagar.
Das Faszinosum „Lulu“ hat sie ausnahmslos ergreifen, und aus dem vor Staunen offenem Mund drängen die Fragen nach dem Waszumteufel, und hernach die Antworten, Bashings, Hypothesen, Spekulationen, Gedankenspielereien.
Zur vollen Kognitionsblüte reift das alles beim Essayisten Chuck Klosterman (den ich allen Lesern nur nachdrücklich anempfehlen kann!), von den Beschreibung gewordenen Empfindungen ganz abgesehen („Es könnte eine erfolgreiche Simulation des Gefühls sein, eine Schizophrenie zu entwickeln, während man zugleich Migräne hat – wenn auch ein bisschen weniger melodisch.“)
„Durch seine bloße Existenz steht 'Lulu'“, so Klosterman, „für mindestens vier Dinge:
# Zwei Künstler von historischer Bedeutung vermengen Genres ohne erkennbaren Grund.
# Erwachsene, selbstbewusste Musiker gehen ihrer eigenen kreativen Vision nach, frei von jedwedem kommerziellen Druck oder Verantwortung.
# Ein Versuch, etwas authentisches zu produzieren, das anders ist als alles, was wir je zuvor gehört haben, motiviert allein von dem Wunsch, zu sehen, was daraufhin geschehen würde.
# Ein selbstsicherer, aufrichtiger Versuch, arkane Hochkunst (Lulu basiert auf dem deutschen expressionistischen Theaters des frühen 20. Jahrhunderts) aufzugreifen und sie für Jeans tragende Teenager neu zu verpacken, die in der Provinz auf Parkplätzen Benzin schnüffeln.“
Mutet befremdlich an, entfacht aufs Neue den Groll, ist letztlich jedoch nicht zu bestreiten. „Ohne erkennbaren Grund“ – abermals das große Staunen, das Fragen, die Fassungslosigkeit.

We did it for the lulz.
„Lulu“ ist kein schlechtes Album. Es ist ein Album, das nicht sein können dürfte. Eine CD gewordene Unmöglichkeit. Ein Absurdum, das Albert Camus spätestens in seinen Existenzialismus getrieben hätte, „der Mythos des Luluphos“ quasi.
„Lulu“ ist „ein Album, das niemand will“ (Klosterman), und doch eines, das als einzigartiger Meilenstein in der Musikgeschichte emporragt. Wir alle sollten ihn fürchten, weil er unseren Ohren nichts Gutes tut. Wir sollten ihn schätzen, weil er uns, die Musikkritik, auf die Probe stellt. Und darauf untersucht, ob wir selbst nur in der Gegend herumstehen – oder den Weg zu weisen vermögen.
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