Bewerten

Die Setlist, Zugaben und Festival-Touren

Veröffentlicht: 17.04.2011 um 19:40 von Jutze

Ich mag es gerne präzise. Eintrittskarten, auf denen lapidar 20:00 Uhr steht, machen mich wahnsinnig. Was soll das heißen? Saalöffnung? Vorbandbeginn? Tagesschau?

Als Freund des öffentlichen Personennahverkehrs begrüße ich es prinzipiell auch, wenn das geplante Konzertende kommuniziert wird. Für die beteiligten Personen am Veranstaltungsort ist es natürlich auch hilfreich, wenn es einen absehbaren Zeitplan gibt.

Doch Konzerte sind kein Schulunterricht. Die Bands sollten auch bei der Auftrittslänge künstlerische Freiheit genießen. Ein ordentlicher Headliner braucht da doch nicht durch Vorbands oder Sperrstunden eingeschränkt werden. Mehr muss nicht zwangsläufig besser sein; nur wirkt es lächerlich, wenn ein Auftritt eine halber Stunde später beginnt als angekündigt, nur damit dann am Ende Lieder weglassen werden müssen, weil um Mitternacht Sperrstunde ist.

Leider verkennen viele Bands die Vorteile von dynamischen Setlists. Damit meine ich zum einen den Austausch von Programmteilen im Laufe einer Tour und zum anderen das mechanische Planen von Zugaben.

DREAM THEATER und BLIND GUARDIAN fallen mir spontan als Bands ein, die in den letzten Jahren erfolgreich die allabendliche Songauswahl variiert haben. Eine statische Setlist hat sicherlich ihre Vorteile. Man braucht nur ein begrenzten Repertoire einstudieren und kann dieses im Laufe einer Tour perfektionieren. Licht und Tontechnik können darauf abgestimmt werden und an allen Orten bekommen die Besucher "das volle Programm". Doch durch das Internet mit seinen Bandforen und Seiten wie setlist.fm erliegt man schnell der Versuchung, sich vorab über die gespielten Songs kundig zu machen. Beim eigentlichen Konzert herrscht dann keine Spannung mehr zwischen den Stücken, weil man schon weiß, was als nächstes kommt. Klar, deshalb waren für mich etwa SHADOW GALLERY noch lange nicht langweilig. Im Gegenteil! Aber bei BLIND GUARDIAN letztes Jahr verkniff ich mir jegliche Setlist-Spoiler und konnte beim Konzert in Ludwigsburg voller Euphorie Lieder wie "Banish From Sanctuary" oder "Traveler In Time" abfeiern!

Zugabe! Zugabe! Pause? Ich betrachte die Zeit vor der (ersten) Zugabe inzwischen als Pause. Denn Zugaben sind obligatorisch. Da spielt es keine Rolle, ob das Publikum frenetisch nach mehr verlangt oder eben Pausengespräche führt und mal eben auf dem Handy schaut, was das Internet Neues zu erzählen hat. Die ursprüngliche Bedeutung einer Zugabe ist endgültig verschwunden, wenn die bekanntesten und beliebtesten Songs in den Zugabenblock geschoben werden. Dann sind die Zugaben ein wesentlicher Bestandteil des Auftritts und nicht etwas, das es noch zusätzlich gibt. (Zugabe kommt ja von hinzugeben.) Als Beispiel bemühe ich noch einmal BLIND GUARDIAN. 2009 ging der Band auf dem BANG YOUR HEAD die Spielzeit aus, so dass einfach die ganze Setlist am Stück gespielt wurde. Keine Zugaben - stattdessen "The Bard's Song" und "Mirror Mirror" als abschließender Höhepunkt einer tollen Setlist. Ganz anders dann ein Jahr später in Ludwigsburg. Nach zehn Songs war plötzlich schon Schluss. Scheinbar. Klar, eigentlich war es eine Pause. Das Publikum machte keine große Anstalten, sich Gehör zu verschaffen. Die Band kam auch so zurück - und spielte noch einmal eine gute halbe Stunde. Wenn es nach mir ginge, würde am Ende jeder regulären Setlist ein Schlussstrich stehen, höchstens noch gefolgt von einem Fragezeichen.

Das alles sind freilich fromme Wünsche eines idealistischen Musikfans, der lieber ein Metal-Konzert mit Überraschungen und einem Hauch Chaos besucht, als sich die durchprogrammierte Show von DJ Bobo und Co. anzuschauen.
Kategorie: Kategorielos
Hits 1599 Kommentare 2 Hinweis auf diesen Blog-Eintrag per E-Mail verschicken
Kommentare 2

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Benutzerbild von Eiselfe
    In Amerika ist es anders...dort läuft es meistens so, dass die "Curfew" strikt eingehalten wird - auch wenn es bedeutet, dass einem Headliner dann nach 3 Songs der Saft abgedreht wird. Zack fertig aus. Da finde ich das europäische Modell doch besser, auch wenn es zum Weinen ist, wenn man als ÖV-Benutzer einen Teil des Gigs verpassen muss, weil die Bands überziehen...
    permalink
    Veröffentlicht: 17.04.2011 um 19:58 von Eiselfe Eiselfe ist offline
  2. Alter Kommentar
    Benutzerbild von Schaffi
    In den USA ist die durchschnittliche Spielzeit der Bands aber auch wesentlich kürzer, was man so an den Setlisten im Internet sehen kann. IN FLAMES und DARK TRANQUILLITY spielen da auf einer Headliner-Tour ca. 5-7 Songs weniger als in Deutschland. Auch MASTODON haben in Deutschland drei oder vier Stücke mehr gespielt.

    Aber was Zugaben betrifft, stimme ich dir voll und ganz zu. Das sollte etwas spontanes und besonderes sein. Diese geplanten Zugabenblöcke sind furchtbar und dienen nur der Selbstbeweihräucherung der Bands. Zum Glück gibt's auch die eine oder andere Formation, die das eben sein lässt und ihr Programm direkt durchzieht. Am schlimmsten sind allerdings Zugaben auf Festivals, wo die Spielzeit ohnehin schon stark begrenzt ist...warum also nochmal fünf Minuten (sprich: einen Song) opfern, nur um sich feiern zu lassen?
    permalink
    Veröffentlicht: 26.04.2011 um 11:20 von Schaffi Schaffi ist offline
 
Trackbacks 0

Trackbacks


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 08:47 Uhr.



Reklame

Content Relevant URLs by vBSEO 3.3.0

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25