Alt 24.01.2002   #1 (permalink)
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Standard Neuheidentum/Neue Rechte

Ich habe mal einen neuen Thread gestartet...


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Hallo Tim,


ich hatte mich bisher auch nicht sonderlich mit dem Problem Neofolk und Neue Rechte befaßt, wußte aber, daß es da einiges Bedenkliches gibt. Vor einigen Jahren habe ich mal ein Exemplar des „Moondance“-Magazins über Prophecy erstanden und war davon eigentlich sehr begeistert aufgrund der liebevollen Gestaltung und der tiefgehenden Interviews. Nun befindet sich darin aber auch noch ein Interview mit dem Gründer eines neuheidnischen Zirkels namens „Circle of Jormungandr“... das dazugehörige Photo zeigt einen jungen Mann, der in übertrieben „stolzer“ Pose vor einem Hakenkreuz-ähnlichen Symbol posiert und dessen Frisur an frühere Obersturmführer erinnert. In dem Interview gibt es dann in der Tat einige wirre und größenwahnsinnige Aussagen über den „Verfall der westlichen Zivilisation“, über irgendwelche „europäischen Werte“ und vor allem eine perverse und geradezu widerliche Verherrlichung des Krieges. In diesen Aussagen findet sich ein durch nichts als durch „das Blut“ begründete Denken von Elite, das so dermaßen großkotzig ist, daß einem selbst das Kotzen kommt.

Weiter fand ich in diesem Heft einen Nachruf auf Ernst Jünger, der derart pathetisch geschrieben ist, daß man glauben möchte, der Autor besäße einen Altar für diesen Mann. Nun habe ich vorgestern in der taz einen Artikel über eine Schriftensammlung Jüngers gefunden, in dem dieser als das enttarnt wurde, was er war - ein zutiefst konservativer, nationalistischer und antisemitischer Intellektueller, der auch gerne mal in einschlägigen Blättern durch Hetzschriften glänzte. Der Autor des Nachrufs im „Moondance“ nun nahm Jünger gegen jegliche politische Einnahme jedoch in Schutz - und hier sehe ich das große Problem im Umgang mit der sog. „Neuen Rechten“ bzw. dem Neuheidentum, so wie es auch bei Eis & Licht und einigen Neofolk-Gruppen vorkommt: Die wissen gar nicht, daß sie rechtsradikal sind. Man nennt sich in solchen Kreisen gern „unpolitisch“, distanziert sich von Neonazis, aber vertritt nichtsdestoweniger ein Gedankengut, das zutiefst völkisch und latent rassistisch und antisemitisch ist. Begründet wird diese Distanzierung dann damit, daß man „über dem Fußvolk“ sich befinde, daß man „Elite“ sei, daß man es ja gar nicht nötig habe, mit „normalen“, politischen Menschen auf einer Ebene zu leben. Der Kampf für eine „konservative Revolution“ durch „das Blut“ gegen die Verdummung der Menschen durch das Geld wird hier verherrlicht; auszuführen ist das ganze durch einen immerwährenden Krieg für sog. „westliche Werte“ - gegen wen, bleibt ungesagt, aber es liegt auf der Hand, daß hier vor allem das Judentum gemeint sein dürfte, das ja seit jeher als Handlanger des Geldes gilt. Dieser rechtsextreme Antikapitalismus verbindet sich natürlich auch mit der Forderung nach der Erhaltung der Natur - deshalb ist der Begriff „Ökofaschist“ durchaus gerechtfertigt, man schaue sich nur mal die Seiten von www.heathenfront.org an, einer Organisation, die an Widerlichkeit kaum zu überbieten ist, und die so Dinge fordert wie das Leben in Dörfern, streng nach Rassen und Völkern getrennt, als Selbstversorger. Daß diese Leute daran auch noch selbst glauben, läßt sie einen fast bemitleiden.


Wie gesagt, das Bedenkliche an dieser „intellektuellen Rechten“ ist ja wirklich, daß sie nichts mit rechten Skinheads oder alltäglichem Rassismus zu tun haben, sondern ganz klar und deutlich sagen: Wir sind die Elite, wir haben Recht; das Blut und das Volk und die konservative Revolution werden siegen über den „Verfall der Kultur“. Ein Begriff wie „Rechtsextremismus“ ist dabei halt nicht elitär genug, um aufgenommen zu werden, wie der Nachruf auf Jünger im „Moondance“ zeigt: „...Ernst Jünger stand immer weit über irgendeinem Schwarz-Weiß-Denken, weit über ‚Faschismus’ oder ‚Anti-Faschismus’, weit über ‚links’ oder ‚rechts’.“ Indem politische Begriffe hier als „Schwarz-Weiß-Denken“ diffamiert werden, grenzt man sich klar davon ab - man ist einfach elitär und hat das alles nicht nötig. Daß man selbst dabei faschistoid handelt und denkt, kann dann ja auch gar nicht mehr auffallen - diese Begriffe sind durch die Selbstdefintion als „Elite“ ja längst bedeutungslos geworden. Es zeigt sich also, daß das Denken eines solchen „Jünger-Jüngers“ viel kleinkarierter und beschränkter ist als das, was er anprangert, denn er engt es ja durch seine schwachsinnige und durch nichts als „Blut und Boden“ begründbare Ideologie einer völkischen „Elite“ selbst ein!


Wie soll man jetzt als Liebhaber von Neofolk damit umgehen... ich weiß es selbst nicht. Ich habe zunächst beschlossen, daß ich mich anderen Dingen zuwende und alles, was mir irgendwie mit „Elite“ dumm kommt, einfach auszulachen. Prophecy Productions werde ich auch weiterhin als mein Lieblingslabel angeben, weil ich denen nun wirklich nichts als Liebe zur Musik attestieren kann. Ich bin übrigens sehr gespannt auf das neue Empyrium-Album und werde auf jeden Fall ein Interview mit „Schwadorf“ machen. Ihm oben beschriebenes Gedankengut zu unterstellen, wäre übrigens billig und sollte auch unterbleiben, da ich ihn ja nicht kenne und nichts dergleichen gelesen habe. Allerdings kann ich auch bei ihm nur lachen oder betrübt den Kopf schütteln, wenn ich was von „Elite“ lese, denn „Elite“ ist durch nichts als die eigene Meinung definiert, und das sollte ein angeblich „elitärer Mensch“ schon wissen...


Grüße,


Andi

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Alt 09.03.2002   #2 (permalink)
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Auweia, entschuldige bitte die zahlreichen Rechtschreibfehler und Satzverstümmelungen. Ich hätte wohl doch besser mal korrekturlesen sollen


Tim
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Alt 09.03.2002   #3 (permalink)
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Hallo Andi!


Zuerst einmal ein dickes sorry, daß ich mich nicht mehr zu diesem Thema gemeldet habe. Ich wollte eigentlich damals eine Erwiederung schreiben, aber dann kam einiges dazischen - was mich wieder auf die Thematik gebracht hat, war eine kürzlich entstandende Diskussion zu eben dieser Thematik im Prophecy Forum. Dort stelle irgendein Dussel auf höchsten argumentativen Nivou die Frage in den Raum ob Prophecy rechts sei - womit er sich, wie er später klarstellte auf die "Grufties gegen rechts" Sache bezog. Interresanterweise (und nicht ganz ohne meine Intervention kam das Thema dann aber schließlich auf den Neofolk und die Einflüsse Rechter Ideologien und elitär-faschistoider Philosophien durch Jünger, Evola und anderer in der Neofolk Szene vergötterter Vertreter der "konservativen Revolution" - immerhin stellten die eifrig volkstümelden Orplid einen Samplerbeitrag zu "Calvare La Tigre", der von Eis&Licht zu Ehren Evolas herausgegeben wurde. Naja, wenns dich noch interresiert kannst Du ja mal in die dortige Diskussion einsteigen: http://www.prophecyproductions.de/phorum/read.php3?f=3&i=216&t=216


Was Deinen Forumsbeitrag angeht so stimme ich Dir in jedem Punkt zu - auch wenn ich einiges nicht direkt beurteilen kann. Vieleicht muß man doch noch einmal mit der betreffenden Lektüre auseinandersetzen, aber ehrlich gestanden meine Motivation hält sich in Grenzen und momentan fehlt es mir auch ein wenig an emotionaler Stabilität so etwas ohne Magenbeschwerden durchzuhandeln


>und hier sehe ich das große Problem im Umgang mit der sog. „Neuen Rechten“ bzw. dem Neuheidentum, so wie es auch bei Eis & Licht und einigen Neofolk-Gruppen vorkommt: Die wissen gar nicht, daß sie rechtsradikal sind. Man nennt sich in solchen Kreisen gern „unpolitisch“, distanziert sich von Neonazis, aber vertritt nichtsdestoweniger ein Gedankengut, das zutiefst völkisch und latent rassistisch und antisemitisch ist.


Du bringt es auf den Punk: "DIE WISSEN GAR NICHT, DASS SIE RECHTSRADIKAL SIND". Das ist so ziemlich die treffendste Umschreibung deren Selbstbildes. Sie wissen es wirklich nicht. Wozu auch? Man steht - als geistige elite - ja weeeit über solche banalen eindimensionalen Skalen.


Ich habe mir vor etwa einem Jahr aus neugier das Buch "Die Schwarze Sonne von Tashni Lhumpur", daß im Arun Verlag erschienen ist, bestellt. Dort werden genau die auch in der Neofolk-Szene anzutreffenden ariosophischen Elemente abgehandelt. Das Buch greift die in rechtsextremen Kreisen sehr beliebte esoterische Verschwörungstheorie auf, die etwa von dem Ariosophen, Okkultisten und Antisemiten Lanv von Liebenfels geprägt wurde dessen Ideologie wiederum als Fundament der Thule-Gesellschaft, die als ideologische Keimzelle der NSDAP angesehen wird herhielt. Heß, Haushofer und viele andere Nazi-Größen waren unmittelbar durch ihn beeinflusst. Nun, die eigentliche Verschwörungstheorie dreht sich um die - im Sinne der theosophischen "Wurzelrassen" gedeuteten - Agharti und Shamballa. Urprünglich sind damit natürlich Arier und Juden gemeint. Der Autor versteht es aber relativ geschickt sämtliche Elemente die rassistische oder antisemitische Implikationen beinhalten wegzulassen: so sind Agharti und Shamballa nunmehr beides Nachkommen der Götterfamilie des untergegangenen Atlantis und unterscheiden sich lediglich in ihrer politischen Ausrichtung: die Ahgarti wollen die Quelle göttliche Kraft den Menschen "demokratisch" erschließen, während die Shamballa diese zur Kontrolle und Verdummung der Massen einsetzen (diese stecken nämlich hinter der Weltverschwörung der Freimaurer, welche längt Kontrolle über Wirtschaft und internationale Institutionen erlangt hat, allem voran die UNO, das Machtzentrum der Freimauer). Die Erde steht also - seit der Machtübernahme der Alliierten in Deutschland -

fest unter Kontrolle der Shamballa. Nun wird ein Journalist Zeuge von merkwürdigen Attentaten auf Industrielle, die sich als gezielte stichelein, der "Agharti-Revoluzzer" gegen die Shamballa entpuppen. Der Protagonist verhält sich scheinbar neutral indem er zu bis zum Schluss zu verhindern versucht, daß die Habsburger Insignien - hier als mystisch-heidnische Kultgegenstände, die magische Kräfte besitzen und den Innhaber ultimative Macht verleihen - in die Hände der Ahgarti gelangen und sie statdessen vor beiden Parteien in Sicherheit bringen will. Es sind aber bei näherer Betrachtung die Shamballa, die skupellos Morden und nach Macht gieren, die Agharti scheinen dagegen eine demokratische Position zu vertreten und zu versuchen die Welt aus den Fängen des degenerierten Kapilalismus zu befreien. Nun - das Ganze Geschichte besitzt Form eines Mystery-Thriller von Schlage Wolfgang Hohlbeins auch wenn er stilistisch sogar um einiges besser ist. Der Eindruck der Lesen aber automatisch entsteht ist der einer gewissen Sympathie für die Agharti - den diese vertreten ja wie gesagt all die "guten" Werte - und wie der Protagonist ist der Leser skeptisch wegen dessen Vergangenheit, doch in einem Gespräch mit einem in Tibet lebenden ex-SS Offizier erfährt wird er mit dessen Auffassung konfrontiert das auf der Seinsstufe auf der diese Götternachkommen sich befinden eben keine Gültigkeit mehr haben, seine Kriterien sein eben die eines Menschen, die der materiellen Welt.


Diese Reduzierung von Ursprünglich geradezu lachhaft überladen Antisemitisch-Rassistischen Idologien auf ihren Elitär-Mystischen Anteil ist auch in der Neofolk Szene zu beobachten. Deswegen die Bewunderung für Intelektuelle und Philosophen die zwar dem Faschismus nahe standen, aber sich niemals auf dessen offen rassistisches Niveu herabließen. Aus Heutiger Sicht muten derart symbolistisch verdrehte Philisophien gerdezu naiv und harmlos an, aber im histoschen Kontext sind sie untrennbar mit den Arioshopen Idologien dieser Zeit verbunden, ja diese bilden sogar das Fundament dafür. Verdeckt man dieses, bleibt besagtes Elitär-Intelektuelles Gehabe, daß für sich genommen verhätnismäßig harmlos scheint - doch so sehr man sich nach aussen hin bemüht es zu verschleiern - und das fällt in der Regel nicht einmal schwer, weil diese Leute das oftmals auch vor sich SELBST tun, ist doch dieses Idelogische Fundament doch vorhanden und zeigt sich immer wieder in den ideellen Implikationen die von den Äusserungen dieser Leute ausgehen. Explizit entledigt man sich diesen Einflüssen also - implizit bleiben sie natürlich weiterhin Essentiell.


Ich muß übrigens zugeben, nach der ersten Lektüre des oben genannten Buches keinen schlechten Eindruck davon getragen zu haben sondern überzeugt war ein unterhaltsames Buch gelesen zu haben. Allerdings blieb irgendwo ein gewissen mißtrauen bestehen, das mich schließlich dazu treib mich genauer mit den mythologischen Hintergründen dieser Verschwörungstherien zu beschäftigen - und dann fiel der Groschen langsam. Wenn man sich dann noch die Kommentare bei Amazon.de zu diesem Buch anguckt wird es deutlich, daß hier eben doch eine ideologische Absicht dahintersteht und in den entsprechenden Kreisen "verstanden" wird.


Aber genau dies verdeutlicht sehr anschaulich die Strategie der (alten) neuen Rechten: Für sich stehend harmloses Material wird erst im "rechten" Kontext betrachtet zum Ideologischen Zündstoff. Keine der Zahlreichen Veröffentlichungen an sich ist beinhaltet rechtsextremes Gedankengut, aber das Zusammenwirken unterschiedlicher Ideologischer Ansätze - wobei durchaus auch richtige und wichtige Ansätze darunter sind - ergibt einen bedenklichen Gesamtkontext, der wiederum erst in geschichtlichen Zusammenhang betrachtet sein ganzes gefährliches "Potential" offanbahrt. Diese Strategie bewirkt einerseits die immunität gegen staatliche Zensur und noch wichtiger, behindert erfolgreiche Antifaschistische Enttarnungen - die zumeist tatsächlich so platt, desinformiert und undifferenziert daherkommen, daß man sich genüßlich über diese "ewig gestrigen" Antifaschisten amüsiert, andererseits - und das mag vieleicht sogar die wichtigere Funktion sein - zieht es auch durchaus linken Idealen angehörige Menschen schleichend in den Prozess der rechten ideologisierung sofern diese entsprechend naiv und idelogisch ungefestigt an sie herantreten. Dies vollzieht sich als schleichender Prozess und diese Leute bemerken es dann tatsächlich nicht, wenn sie irgendwann vollends diesen Ideologien nachhängen.


Der Arun Verlag verteibt übrigens neben den Werken Evolas und neurechten, in seiner Tradition stehenden Denkern auch eine ganze Menge unpolitischen sogar eher links einordbare Bücher über heidnisch/Naturreligiöse Esoterik und Mythologie. In einem Intervie mit der Jungen Freiheit sagte der Inhaber Stefan Ulbrich offen, daß er mit dem Verlagsprogramm eine "zweigleisige Strategie" verfolge.


Gruß,

Tim
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