YOB: The Unreal Never Lived

YOB: The Unreal Never Lived

Zwischen Stille und orkanartigen Stürmen liegt das Reich einer der kreativsten Bands der USA. YOB sind kehren schon nach wenigen Monaten zurück und löffeln nach dem fulminanten The Illusion of Motion endgültig die Hirnschale aus. Das mittlerweile vierte Album der exzentrischen Zeitlupenmetaller ist noch eine Ecke extremer, schwerer verdaulich und schwerer zu fassen als der absolut geniale Vorgänger, seid also schon mal gewarnt.

Reichlich Obskur wirken nicht nur das Artwork und der Titel des Albums, spätestens nach fünf Minuten ist man gefangen in einem bizarren Universum, von dem man nicht so recht weiß, ob es nun knallbunt oder pechschwarz ist. YOB sind eigenwillige Musiker, die ihre ganz persönliche Vision umsetzen, sie ist erdrückend schwer, vollgepumpt mit Wut und Hass, gleichzeitig aber so schön wie eine Sonnenfinsternis bei herrlichstem Wetter. Das macht YOB unverwechselbar. Episch ist jeder der vier Songs und dies nutzen die drei Musiker aus Oregon aus um klaustrophobische Stimmungen zu erzeugen. Doch auch gibt es so manchen Stimmungswechsel zu vermelden, selbst wenn Quantum Mystic gleich zu Beginn noch eher am klassischen Doom orientiert ist.

Danach beginnt sich allerdings die Sonne zu verdunkeln und YOB werden zu Zeremonienmeistern der Schwärze, denn Grasping Air, das kürzeste Stück der Scheibe ist der derart düster und intensiv, dass man sich fragt, wie man aus diesem Strudel entkommen kann. Gitarrist Mike Scheidt experimentiert unterdessen frech auf seiner Gitarre herum, dirigiert mit seinen Riffs und den Gitarrenleads und schreit wie ein Besessener seinen Schmerz heraus, während die Bassläufe von Isamu Sato wie Faustschläge im Magen wirken. Danach braucht Kosmos erst etwas Zeit, bis es so richtig in Fahrt kommt. Die Gitarrenriffs dröhnen einfach so dahin, wirken planlos, bis daraus wie aus dem Nichts wieder ein erbarmungsloser Doomsong wird, der enorm schwer zu konsumieren ist, weil man als normaler Mensch mit normalem Nervenzentrum keine Chance hat, diesen Dröhnenden Klängen, dieser krassen Schlagzeugattacke Herr zu werden. Was zunächst konfus anmutet entpuppt sich nach einigen Minuten als beschwörendes Klangerlebnis.

Das Album endet wie sein Vorgänger mit einem über 20 Minuten langem Monolithen, der das bisher gehörte in den Schatten stellt. Schier ewig baut sich The Mental Tyrant in wunderschöner Pracht vor dem Hörer auf und man könnte der Illusion verfallen, dass sich in den letzten Minuten alles zum guten Wendet, ein Wohlfühlsong nach 30 Minuten Nihilismus, quasi. Doch YOB kennen keine Gnade, nach wenigen Minuten bricht eine Wand auf den Hörer ein, dass kein Stein mehr auf dem anderen steht. Verbittert und wie erfroren klingt The Mental Tyrant und doch majestätisch. So zieht sich dieses Stück schier ewig hin, bis schließlich als überraschende Wendung der Song an Fahrt gewinnt und mit triolischem Riffing wie bei MORBID ANGEL, nur viel langsamer endet.

Zeit ist relativ, das wird bewusst, wenn The Unreal Never Lived vorbei ist. Es wirkt wie wenige Minuten und doch ist fast eine Stunde vergangen. Das ist pure Magie und macht schon fast Angst. Aber so kreativ wie dieses Trio ist und so viel wie es auf dieser Scheibe zu entdecken gibt ist es kein Wunder, dass hier pure Kurzweil herrscht. Experimentiert wird viel auf YOB´s neuem Album, die drei Musiker nehmen sich alle Freiheit, die sie brauchen und haben einen steinigen, aber kompromisslosen Weg eingeschlagen. Und diesem Weg sollten Freunde von ungewöhnlichen Klängen unbedingt folgen.

YOB enttäuschen Freunde der Vorgängerscheibe wohl kaum, im Gegenteil: Fans von The Illusion of Motion werden erfreut sein, dass sich die Doomer aus Eugene weiterentwickelt haben und nun mit wirklich keiner anderen Band mehr verglichen werden können, weder mit SLEEP noch mit ESOTERIC oder sonst wem. Diese Hörerfahrung ist weder einfach zu konsumieren, noch jederzeit zu genießen, aber anhören sollten experimentierfreudige Doomer sich dieses Mammutwerk unter allen Umständen.

Und nun: Stille.

Herrlich.

Veröffentlichungstermin: 5. September 2005

Spielzeit: 51:51 Min.

Line-Up:
Mike Scheidt – Vocals, Guitar

Isamu Sato – Bass

Travis Foster – Drums
Label: Metal Blade Records

Homepage: http://www.yobdoom.com

Tracklist:
1. Quantum Mystic

2. Grasping Air

3. Kosmos

4. The Mental Tyrant