VOIVOD: Target Earth

VOIVOD: Target Earth

Endlich eine Gelegenheit, tief in die Floskelkiste zu greifen. Das Phrasenschwein zu füttern: Vorwärts in die Vergangenheit! Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück! VOIVOD haben den Post-Piggy-Pfad nun vollständig betreten – keine Verwertung von Demo-Riffs mehr, ausschließlich ganz neues Material. Maßgeblich daran beteiligt: Daniel Mongrain, bisher Mitglied von GORGUTS, NEURAXIS und CRYPTOPSY, in seiner bisher wichtigsten Rolle. Ein hörbar guter Gitarrist, der jedoch VOIVODs Musik nicht nur nachspielt, sondern auch neu interpretiert, der Piggys Riffs mit der Muttermilch aufgesogen und sich dessen Feeling angeeignet hat. Ein sehr guter, spannender Ausgangspunkt, um die Erde ins Visier zu nehmen. So viel vorweg: VOIVOD schießen scharf.

Sicherlich ist Mongrains Arbeit der kritische Punkt an Target Earth, dem vielleicht wichtigsten VOIVOD-Album seit Jahren. Und dieser kritische Punkt birgt überhaupt keine Gefahr für das kanadische Quintett, denn die Gitarren können mit dem irren Material der frühen VOIVOD-Ära locker mithalten. Target Earth ist näher an Dimension Hatröss, Killing Technology und Nothingface als alle VOIVOD-Alben seit den Neunzehnhundertneunzigern, und dennoch ist es keine Wiederholung. Es ist verspielt und technisch, es ist komplex und wirr, aber trotzdem auf den Punkt und schön räudig-punkig. Zeitlos und doch irgendwie zeitgemäß. Der logische Schritt nach Infini, und doch eine Kehrtwende. Ein herrlicher Widerspruch. Das Phrasenschwein wird munter weiter gefüttert.

Wie dem auch sei, vor allem das Publikum der VOIVOD-Alben der späten Achtziger wird anhand dieser Songs aus dem Häuschen sein. Target Earth hat komplexes Songwriting neben lockeren Momenten stehen und zeigt eine Band, die reif aber nicht alt ist und sich stets ihre jugendliche Frische bewahrt. Kein Wunder, dass es vor großen Songs wimmelt: Target Earth, beginnt mit dem Titelstück sehr dissonant und rhythmisch kompliziert. Kommt durch Mechanical Mind darauf wieder zurück. Warchaic, Resistance und Kaleidos hingegen sind trotz ihrer schrägen Momente meistens groovy, treibend und haben Momente parat, die hängen bleiben, Kluskap O´Kom und Corps Étranger sind mitunter ziemlich thrashig und sehr wild. Schön ist es, wie egal VOIVOD die aktuelle Metalszene ist. Statt einer sterilen Produktion, Triggerdrums und perfektionierten Gitarren regiert auf Target Earth Authentizität, die Musiker stammen hörbar aus einer anderen Generation und nehmen ihre Tugenden selbstbewusst mit in die heutige Zeit.

Das Schlagzeugspiel von Away, das eigentlich simpel, aber rhythmisch doch trickreich ist, ist das beste Beispiel dafür. Auch Snakes charakteristischer Gesang, der widerborstig melodisch und unbequem aber doch gekonnt ist, gefällt und führt VOIVOD an. Auch das typisch-wummernde Bassspiel von Urmitglied Blacky trägt zum positiven Klang des Albums bei und spannt den Bogen zur Vergangenheit. Würde Piggy noch leben, dieses Album hätte ihn zweifellos glücklich gemacht und mit Stolz erfüllt. Auch wenn das Cover sehr polarisierend ist – ich persönlich finde es hervorragend – musikalisch besteht kein Zweifel: VOIVOD knüpfen an ihre großen Alben an und wirken so, als wäre der Drahtseilakt zwischen der alten und der neuen Ausrichtung und die Einführung des neuen Gitarristen die leichteste Übung. Wer soll diese Band stoppen, wo sie beim schwierigsten Album der Karriere so brilliert? Abschließender Kommentar vom gut gefütterten Phrasenschwein: Selbst wenn es nicht ganz auf einer Stufe mit Dimension Hatröss, Killing Technology und Nothingface steht, Target Earth ist richtig groß. Freunde sämtlicher Phasen der Band können sich mehr freuen, dass VOIVOD so gut sind, wie lange nicht.

Veröffentlichungstermin: 18. Januar 2013

Spielzeit: 56:36 Min.

Line-Up:
Denis Snake Belanger – Vocals
Daniel Chewy Mongrain – Guitar
Jean-Yves Blacky Theriault – Bass
Michel Away Langevin – Drums

Produziert von Piérre Remillard
Label: Century Media

Homepage: http://www.voivod.com

Mehr im Netz: http://www.facebok.com/voivod

Tracklist:
1. Target Earth
2. Kluskap O´Kom
3. Empathy For The Enemy
4. Mechanical Mind
5. Warchaic
6. Resistance
7. Kaleidos
8. Corps Étranger
9. Artefact
10. Defiance