TYPE O NEGATIVE: World Coming Down

TYPE O NEGATIVE: World Coming Down

Es war ein schöner Tag, die Sonne strahlte vom blauen Himmel, von Herbstanfang keine Spur. Ich war glücklich, und das obwohl das sehnlichst erwartete Tape an diesem Morgen nicht in meinem Briefkasten lag. Nachdem ich das vierte Mal erfolglos an meine Postbox getappert war, beschloß ich ein klein wenig enttäuscht, mich anderweitig zu beschäftigen. Mein Gemüt verdüstert sich, dasselbe tat der Himmel. Es fing an zu regnen, dicke Tropfen fielen von vormals blauleuchtenden Himmel. Inmitten dieses Sauwettters überkam mich der Drang, noch ein letztes Mal den kleinen Blechkasten zu öffnen und zu hoffen, daß sich ein Umschlag darin befinde. Ziemlich durchnäßt steckte ich den Schlüssel in das Schlüsselloch, drehte ihn herum und – plötzlich brach die Sonne hervor, ein Sonnenstrahl verbreitete goldenes Licht in meinem Postfach. Da war er, unscheinbar, weiß, und dennoch steckten so viele Hoffnungen in diesem Kuvert. Ich rannte in mein Wohnzimmer, legte das Tape ein und dann war ich erstmal für 70 Minuten völlig weggetreten.

Um zum Wesentlichen zu kommen, das neue Album von Type O Negative ist überirdisch, phantastisch und genial. Vergessen sind alle Befürchtungen, daß Peter Steele und seine Männer wieder ein Album wie October Rust, das ohne Zweifel gut, für meinen Geschmack aber auch zu glatt ist, abliefern. „World comming down“ ist rauher und intensiver als der Vorgänger. Verdammt düster und schleppend klingen die Songs und reißen dich in eine Stimmung, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Unendliche Schwermut und tiefer Kummer können nicht besser vertont werden. Die Tracks sind so schön und traurig, daß es wehtut. Tief in dir verspürst du einen Stich, eine Angst und dennoch nimmt dich die Musik so gefangen, daß du dieses Gefühl auskosten willst, bis dir die Tränen über das Gesicht laufen.

Type O Negative sind erwachsen geworden, vorbei sind die Zeiten, in denen ein gebrochenes Herz, Liebe und Enttäuschung die Musik bestimmten. In derselben Perfektion wie auf „Slow, Deep and Hard“ Aggression und Wut oder auf „Bloody Kisses“ Liebe und Eifersucht musikalisch umgesetzt wurden, beherrscht nun Wehmut und der Tod die Songs. „World comming down“ ist eines der Alben, das man unmöglich nebenbei hören kann. Die Atmosphäre nimmt dich gefangen, du wirst alles andere um dich herum vergessen.

Musikalisch ist die Platte sehr doomig, langsam und schleppend. Gitarrenriffs und Basslienes sägen sich in deine Ohren. Peter Steele setzt seinen Bass einmal mehr wie eine Gitarre ein, der typische Type O Negative-Steele ist nicht zu überhören. Josh Silvers Keyboards sind akzentuiert, keine andere Band versteht es wie die Brooklyner, Melodien und Orgelstimmen so genau auf den Punkt einzusetzten. Da gibt es keine überflüssigen Verzierungen, die Lines wabern nicht als pure Untermalung um die Songs herum. Genau an der Stelle wo du kurz davor bist, in Tränen auszubrechen, machen dir Kirchenorgeln bewußt, das alles eine majestätische Seite hat, auch Depression und Wehmut. Melancholie und ergreifende Schönheit paaren sich in den Stücken zu einer Verbindung, die eine unglaubliche Faszination ausübt.

Die Stücke, die alle Überlange haben – unter sechs Minuten geht auf diesem Album nichts – bestechen durch phantastisches Songwriting. Schleppende Parts a la Black Sabbath sind mit Abschnitten, in denen einfach nur der Bass und die Gitarren wummern und poppigen Elementen kombiniert. Den Kontrast zu den düsteren, monotonen Riffs bilden vereinzelte Synthiespielereien und Keyboards, deren Einsatz beweist, daß T.O.N. was Songwriting betrifft, zur absoluten Spitze gehören. Jonny Kellys Drumming ist perfekt auf die Songs abgestimmt, er gibt nicht nur den Takt an, sondern spielt selbst eigene, kleine Songs. Es klingt unglaublich durchdacht, was der Junge da fabriziert. Hinter jedem Schlag steckt die Gewißheit, daß es genauso und nicht anders klingen muß, obwohl die Ideen eher ungewöhnlich sind.

Peter Steele singt so manches Mal in – für seine Verhältnisse – erstaunlich hohen Tonlagen. Insgesamt sind die Vocals um einiges kräftiger und direkter als zu October Rust-Zeiten. Trotzdem setzt er seine Stimme auch so ein, wie wir es gewohnt sind. Die tiefen, klaren Passagen kommen durch den Kotrast viel besser zur Geltung und drücken mehr Gefühl denn je aus. In manchen Passagen – zum Beispiel beim Titeltrack – schmachtet sich Mr. Steele so durch die Songs, daß er dich mitten ins Herz trifft.

Das Album verbindet viele sehr unterschiedliche Songs, zu einer Einheit, die durch die durchgängig düstere und schleppende Atmosphäre verstärkt wird. Type O Negative wären aber nicht Type O Negative, wenn nicht der ein oder andere kleine Scherz auf dem Album versteckt wäre.

Es fällt mir schwer, die Faszination und die unglaublich dichte und intensive Atmosphäre objektiv zu beschreiben. Weil es mir einfach nicht gelingen will, die verschiedenen Songs auf einen anderen gemeinsamen Nenner als die morbid-majestätische Stimmung, die vielleicht ja auch von jedem anders empfunden wird, zu bringen, gibt’s hier zu jedem Song eine kleine Beschreibung:

White Slavery

Ein sakrales Orgelriff entführt dich in eine Welt, wie sie bereits auf der Bloody Kisses entworfen wurde. Der tiefe, unheilvolle Gesang leitet dich durch eine Landschaft aus wuchtig-schleppenden Gitarrenriffs vorbei an einer massiven Wand aus Orgelklängen. Der Mittelteil des Songs wird einzig von Peters raumfüllender Stimme getragen, die durch sparsame Syntieklänge zusätzlich betont wird. Die Vokals werden im Song kraftvoller und klingen dennoch verzweifelt, als ob sie gegen die düstere Atmosphäre anschreien wollen, es aber nicht schaffen.

Everyone I love is dead

Der Ohrwurm der Platte. Was recht fröhlich mit einem akustischen Riff beginnt, schwankt um in einen verzweifelten Song, der mit so viel Kraft und Emotion Trauer ausdrückt, daß man einfach die Augen schließen muß und zusammen mit der Musik in ein tiefes schwarzes Loch fällt. Ein Orgelmelodie, die mit der abgedroschenen Bezeichnung „wunderschön“ nur unzureichend beschrieben werden kann, und die Stimme von Pete lassen es dem Hörer kalt den Rücken runter laufen.

Save the Sane

Der Song beginnt mit einem zugegebenermaßen recht jazzigen Klavierintro und besitzt eine ganze Menge an Groove. Einer der eher unspektakulären Songs mit klarem Aufbau, der durch schweres Riffing an Black Sabbath erinnert und immer wieder durch die swingende Klavierstimme unterbrochen wird. Der Gesang ist erstaunlich melodiös und weniger tief. Sehr groovy und relaxt, aber dennoch ganz düster.

World comming down

Der längste Track, über elf Minuten Spielzeit. Elf Minuten voll trauriger Verzweiflung und Resignation. Ein wuchtiges Gerüst aus lärmenden und schleppenden Gitarren und Bässen wird effektvoll von der ruhigen, aber genau passenden Schlagzeugarbeit ergänzt. Zwischen den brachialen, druckvollen Instrumentalattacken, die ruhig, aber unaufhörlich auf dich zurollen, schmachtet der Meister alleine, untermalt von ein paar wenigen Gitarrenklängen. Die Übergänge von leisen ruhigen Passagen zum Gitarrenchaos sind ohne Bruch, das Epos dehnt sich in elf lange, qualvolle Minuten, in jeder einzelnen wird man tiefer in die Verzweiflung gezogen und genießt dieses Gefühl.

Creepy Green Light

Irgendwas mit grün mußte ja sein. Ein eingängiger Titel, der für dieses Album recht schnell ist und eher nach vorne losgeht. Eine prägnante Keyboardmelodie baut Spannung auf, die sich dann im meldodiebetonten Refrain entlädt. Kirchenorgelklänge, die auf ein friedliches, wenn auch trauriges Ende hindeuten, werden mit donnernden Bässen demontiert. Der Song ist ein auf und ab zwischen ruhigen Passagen, die sehr melancholisch wirken und brutaler Unterbrechung durch sägende Gitarren.

Everything dies

Klassischer, lärmender Black Sabbath-Beginn, der durch ein tonnenschweres Riff erweitert wird. Verwirrend, traurig und unwiderstehlich. Nahtlos folgt Gesang mit Klavieruntermalung, der sich zu zweistimmig gesungenem Finale steigert. „Everything dies“ ist ein Song, der eher an Stücke der October Rust erinnert. Beeindruckend ist der instrumentale Schlusspart, der mit engelsgleichen Keyboardlines arbeitet und neben aller Schwere und Trauer, die der Song ausdrückt, einen Hoffnungsschimmer weckt. Wie ein einzelner Sonnenstrahl, der sich durch die Wolken stiehlt. Doch sobald man auf einer Wolke wegschwebt, wird das Bild ganz plötzlich zerstört, indem der Song fieserweise abrupt abbricht.

Pyretta Blaze

Ungewöhnlicher Song, der einen poppigen Refrain mit doomiger Strophe verbindet. Was als schleppender Track beginnt, der wiederum auf Black Sabath inspirierter Gitarrenarbeit aufbaut, wandelt sich überraschend in einen Tanzflächenknaller. Doch nur kurze Zeit bestimmt ein treibender Rhythmus, Posergitarrensolo und Backingvocals den Song, dann übernehmen die bohrenden Riffs, die wie flüssiges Blei träge umherfließen das Kommando. Sehr ungewöhnlicher Song, der geniale, nahtlose Übergänge zwischen Songstrukturen a la „My Girlfriend‘s Girlfriend“ und schleppender Back Sabbath-Mucke bietet.

Hallows Eve

Sehr tiefer Gesang zu einer Bassline, tieftraurig und herzzerreißend. Gefolgt wird die Schmachtstimme von einem Ausbruch an Verzweiflung, du wirst die Fäuste ballen, bis sich die Nägel in die Handflächen graben und einfach mitleiden! Um mal ein bißchen Orakel zu spielen: ich tippe drauf, daß dieses Stück die Single wird. Durchaus tanzbar (in gekürzter Version), aber keinesfalls flach und mit viel Atmosphäre und dem für diese Platte typischen doomigen Riffing.

Day Tripper

Und dann gibt’s noch eine Coverversion. Day Trippper ist von den Beatles, zum Glück haben sich Type O noch nie damit begnügt, einen Song einfach nur nachzuspielen. Auch dieses mal wird der Originalsong so verändert, daß man eindeutig hört, welche Band ihn interpretiert. Der Rocksong wird zu einem dunklen Track, ungewöhnlich für die Band ist auch hier der Gesang. Relativ hoch und fast durchgehend zweistimmig.

Fazit: Eine Platte, die durch eine bedrückende, wunderschöne Atmosphäre besticht. Viele Übergänge zwischen vermeintlich unvereinbaren Elementen und vielseitig eingesetzter, oft ergreifender Gesang, perfekte Keyboards und Drums machen dieses Album zu einem wahren Kunstwerk.

Am 20. September werdet ihr alle Termine absagen, in den nächsten Plattenladen rennen und euch vor der CD verbeugen. Dann kauft ihr das Teil, legt es ein und versinkt in einer Welt voll dunkler Emotionen.

Übrigens, vielen Dank, daß ihr bis hierher durchgehalten und den Roman zu Ende gelesen habt. 😉

Spielzeit: 71:03

VÖ: 20.09.1999

Label: Roadrunner

Line-Up:

Peter Steele – Gesang & Bass

Josh Silver – Keyboards

Kenny Hickey – Guitar

Jonny Kelly – Schlagzeug

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andrea

Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin…

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