SPIRITUAL FRONT: Amour Braque

SPIRITUAL FRONT: Amour Braque

Ach, was habe ich „Armageddon Gigolo“, das 2006er-Meisterwerk von SPIRITUAL FRONT, geliebt! Seine einzigartige Mischung aus dunklem Country, bittersüßem Pop und apokalyptischem wütenden Post-Punk, auf den Punkt gebracht von Songtitel „I Walk The (Dead-)Line“, trifft nun also schon seit dreizehn Jahren bei mir mitten ins Herz, und so war die Armageddon-Gigolo-Show beim Prophecy Fest 2017 neben dem Auftritt von Arcturus mein Highlight des Festivals; zwar kam die Hälfte der Musik aus der Dose, aber die leidenschaftliche Performance Simone Salvatoris zusammen mit der Tropfsteinhöhlen-Lichter-Atmosphäre und Pasolinis „Mamma Roma“ als Hintergrund-Projektion passten so perfekt zusammen, dass mir sogar mein durch die Wanderung in unvorteilhaftem Schuhwerk am Vortag zugezogener Hinkefuß wurscht wurde. Als Zugabe gab’s mit „Children Of The Black Light“ noch einen Vorgeschmack auf das kommende Album, Salvatoris Premiere auf Prophecy Productions, und die fügte sich erstaunlich gut ins Programm ein, was mich zusätzlich erfreute.

Warum das? Nun: Der Nachfolger „Rotten Roma Casino“ war Mist. Absoluter Mist. Die dunklen Abgründe und die Wut waren fort, übrig blieb nur der schmalzig-spermatöse Zuckerguss darüber und damit für mich eine Gefühlswelt zwischen Langeweile und Abscheu. Der Auftritt beim Prophecy-Fest und „Children Of The Black Light“ versprachen Besserung – und Spannung auf „Amour Braque“, auch wenn das Cover in erster Linie eins aussagt: Hier geht’s um Sex und um Simone Salvatori und um sonst mal gar nichts.

„Amor Braque“ findet durchaus zurück zu alter Stärke

Die Hoffnung war jedoch berechtigt: Das neue Album findet durchaus zurück zu alter Stärke. Es kann sie noch nicht wieder vollends ausspielen, aber sie ist da, das ist so sicher wie die Morgenlatte in der niemals enden wollenden Pubertät dieses Mannes. Die Lieder wissen durch mitreißende Rhythmik und liebliche Melodien, denen es trotzdem nicht an Abgründen mangelt, zu überzeugen, zudem packt Salvatori gelegentlich das Akkordeon in den Vordergrund und entführt uns damit in ein bittersüßes folkloristisches Dolce Vita, das es so vorher bei ihm noch nicht zu hören gab. Hauptakteure dieser saftigen Orgie sind jedoch nach wie vor – sehr prominent – Streicher und, äh, Bläser und die seit dreizehn Jahren jung gebliebene und vor Sex strotzende Stimme Salvatoris. All diese Zutaten werden in herrliche Power-Balladen, dunklen Rock’n’Roll und wehmütigen Tango gegossen und machen durch dunkle, funkige E-Gitarren und nicht zuletzt natürlich die immer wieder ins Abgründige fallenden Texte über Liebe, Hingabe und Sehnsucht jeden Frühlingsspaziergang zu einem Erlebnis (*hust*). Ehe man vor lauter Erotik jedoch Gefahr läuft, nicht mehr geradeaus laufen zu können, würzt Salvatori das Album mit coolem post-punkigem Pop, augenzwinkernden Betrachtungen über die Unfähigkeit zu lieben und natürlich den üblichen elegischen Betrachtungen über Liebeskummer.

Alles tutti und geil also? Na ja: So schön das Album nach einigen Durchläufen dann auch ist und so froh ich bin, es gehört zu haben, so unsicher bin ich mir, ob ich es in Zukunft noch oft tun werde. Denn eins ist klar: „Armageddon Gigolo“ bleibt unerreicht, „Amour Braque“ bietet nicht einen einzigen Song, der auf diesem Meisterwerk Bestand haben könnte. Aber vielleicht muss es das auch nicht, denn es schafft etwas anderes: Es ist ein wundervolles und perfekt produziertes Album für den Hintergrund, für abendliche Gesprächsuntermalung in einer schummrigen Kneipe ebenso wie für sonnige Frühlingsspaziergänge, und diese Vielseitigkeit ist ja auch ohne Wut und tief ins Herz treffende Refrains schon eine Qualität für sich und Ausweis großer Kunst.

Das Album erscheint, wie bei Prophecy üblich, als limitierte 2CD-Buch-Edition (hier mit ganzen 12 Bonustracks!) und als LP. Mir lag zum Rezensieren leider nur die Musik des eigentlichen Albums vor.

Spielzeit: 52:20 Min.

Veröffentlicht am 23.03.2018 auf Prophecy Productions

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Tracklist:

01. Intro/Love’s Vision
02. Tenderness Through Violence
03. Disaffection
04. The Abyss Of Heaven
05. Children Of The Black Light
06. Pain Is Love
07. Beauty And Decay
08. Devoted To You
09. This Past Was Only Mine
10. Battuage
11. An End Named Hope
12. The Man I’ve Become
13. Vladimir Central

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.