SPECTRAL WOUND: Infernal Decadence

SPECTRAL WOUND: Infernal Decadence

ALTER!

WAS FÜR EIN BRETT!

Wer solche Sätze in Räume wirft, offenbart etwas – z.B. eine Sozialisation zwischen KFZ-Werkstatt und Metal-Club genossen, BWL studiert oder sich einige Jahre lang überwiegend von Bier ernährt zu haben. (Disclaimer: Nur einer der genannten Sachverhalte ist tatsächlich kritikwürdig.) Es kann aber auch sein, dass er seit Tagen SPECTRAL WOUND gehört hat. Denn „Infernal Decadence“, das zweite Album dieser geilen Schweine aus Kanada, ist verdammt nochmal ein Brett, und zwar nicht irgendein Brett, sondern eins der schönsten, schillerndsten Bretter, die ich jemals gesehen habe! Mahagoni eventuell. Keine Ahnung, hab noch nie Mahagoni gesehen, obwohl ich „Holz“ heiße und deshalb auf Facebook die Seite „pro: Holz“ abonniert habe – alle paar Tage bekomme ich dort so Sätze wie „Holz ist super“, „Holz ist genial“, „Holz ist brilliant“ usw. um die Ohren gehauen, in letzter Zeit sogar von Kinderchören vorgesungen, und wer behauptet, es ginge dort gar nicht um mich, sondern um den WERKSTOFF HOLZ (so nenne ich mein demnächst – in etwa dreißig Jahren – erscheinendes Soloprojekt), der glaubt vermutlich auch, dass der Weihnachtsmann nicht exisitiert.

„Infernal Decadence“ ist „Black Satanic Glamour“ in Reinkultur

Womit wir beim Thema wären: Black Metal. SPECTRAL WOUND hassen alles und jeden und lassen sie das auch wissen. Ein pervers verzerrter Schrei aus der Hölle eröffnet „Infernal Decadence“, und dann walzt sich eine enorm druckvolle Feuerwalze über Hörerin wie Hörer inweg, der sich niemand entziehen kann, der schonmal was von Black Metal gehört hat. Hier werden – das wunderschön finsetere Cover verrät’s schon – keine Gefangenen gemacht, keine Wälder beschworen, keine Sonnenuntergänge vollgesülzt – hier wird einfach nur geballert. Ich steh ja eigentlich gar nicht so auf nihilistisches Geballer, aber SPECTRAL WOUND haben „Infernal Decadence“ klug aufgebaut – die ersten beiden Songs hinterlassen nicht nur Asche, sondern auch Verzückung durch hymnische Gitarrenwände und sogar -soli, durch geile Breaks und durch ein Schlagzeugspiel, das immer wieder zwischen Blastbeat und Crust-Gepolter wechselt (und dadurch Dynamik erzeugt, aber was für eine!), durch also „Black Satanic Glamour“ eben; selten war ein Songitel passender. Wenn man so will, sind SPECTRAL WOUND klassische Metal-Punks in bester Fenriz-Tradition: Hier geht’s um Riffs und um Rhythmus und um sonst mal gar nichts. Keine Esoterik, kein Mystizismus, einfach nur Krach und Melodie – Metal eben. Und da es so gut gemacht ist, ist das nicht nur erfrischend, sondern – das merke ich dann plötzlich bei mir selber – echt mal bitter nötig gewesen.

Zur Mitte hin lässt „Infernal Decadence“ zwar etwas nach, funktioniert aber als Ganzes, denn erstens ist es genau richtig lang, und zweitens wird am Ende wird das kompositorische Geschick nochmal voll ausgereizt und ein ausgesprochen geiles Finale eingeläutet, das mir nichts anderes übrig lässt als die eingangs erwähnten Phrasen in den Raum zu brüllen. Damit beweist das (übrigens aus der Punk-Szene entstandene) Berliner Vendetta-Label mal wieder, dass zur Zeit niemand an ihm vorbeikommt, der qualitativ hochwertigen Black Metal aller Richtungen schätzt.

Spielzeit: 34:15 Min.

Veröffentlicht am 2.6.2018 auf Vendetta Records
SPECTRAL WOUND auf bandcamp

Tracklist:
1. Woods from Which the Spirits Once so Loudly Howled
2. Black Satanic Glamour
3. Slaughter of the Medusa
4. Feral Gates of Flesh
5. La nuit froide de l’oubli
6. Imperial Thanatosis

Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.