SÓLSTAFIR: Ótta

SÓLSTAFIR: Ótta

Vom harschen Wind gezeichnet, von den Wellen, von der Kälte, von der Einsamkeit. Und doch frohen Herzens. Das einfache Leben der Isländer abseits der Metropolregion von Reykjavík ist ein ganz magisches, stets in Abhängigkeit von der rauen Natur. Der Mann auf dem exzellenten Foto von Ragnar Axelsson, das als Cover von SÓLSTAFIRs fünftem Album dient, ist geprägt von dieser einmaligen Insel im Atlantik, von der Nähe zum Polarkreis. Er strahlt Stolz aus, Zufriedenheit und Gelassenheit. Und er symbolisiert perfekt Ótta. Ótta wiederum symbolisiert beängstigend gut das, was ich an der Südküste von Island empfand. Das Gefühl klein und unbedeutend zu sein, der Wind, der den Mietwagen schaukeln lässt, die Sonne, die das endlose Moos erhellt. Und wieder der Wind, der die Steine an der Gletscherlagune glatt schmirgelte. Der Wind, ja ja, der Wind.

SÓLSTAFIR sind wie dieser Wind, rau und unerbittlich, mal lässt er nach, dann stürmt er wieder. Aber er gehört einfach dazu, zu diesem Land. Ótta hat es scheinbar schwer als Nachfolger des starken Doppelabums Svartir Sandar, aber die – logische! – Entwicklung, der SÓLSTAFIR folgen, zerstreut alle Bedenken schnell. Zumindest sofern der Hörer damit zurecht kommt, dass Ótta keine Rückkehr zu den Black Metal-Wurzeln der Band bedeutet. Im Gegenteil, die Isländer streifen das Metalgewand fast gänzlich ab, was zurückbleibt ist eigenständiger und origineller Progressive Rock mit großen Momenten, mit mitreißenden Hooks, mit viel Kraft und Gefühl. Ótta ist ausgewogen, schwankt zwischen Melancholie und emotionaler Wucht, bedient stets beide Extreme mit beachtlicher Sicherheit.

Und obwohl SÓLSTAFIR nach wie vor gerne lange Stücke schreiben, es gibt keine Längen in diesem einstündigen Album. Der Auftakt Lágnætti leitet das Ótta langsam ein bis es schier explodiert. Streicher und Klavier werden in den Gesamtsound ebenso eingebettet, wie das an WOVENHAND erinnernde Banjo im gigantischen Titelsong. Und auch das ruhige Miðaftann profitiert von der Zusammenarbeit mit dem Streicherensemble AMIINA, die in schöner Regelmäßigkeit SIGUR RÓS als Livemusikerinnen unterstützen. SÓLSTAFIR überzeugen auch, wenn die pure Rockbesetzung zum Einsatz kommt. Dagmál beispielsweise ist ein treibender Song, der schnell unter die Haut geht und trotz aller Direktheit herrlich atmosphärisch ist, Miðdegi ist ähnlich geartet, aber dreckiger und wütender. Das Schöne an all dieser Diversität ist, dass Ótta trotzdem wie aus einem Guss klingt und einen besseren Gesamteindruck bietet als Svartir Sandar.

Leicht sind SÓLSTAFIR nicht unbedingt zu konsumieren, Ótta fordert seine Zeit ein, will in seiner Gänze gehört und genossen werden. So eindringlich und fern von jeglichem Pathos, wie SÓLSTAFIR sich hier präsentieren, ist das aber auch kein Problem, verkopft oder zu kompliziert ist hier nichts. Die vier Musiker klingen trotz großer Visionen und fordernden Songwritings bodenständig und nicht aufgeblasen. Daran hat die warme, wuchtige und dynamische Produktion von Birgir Jón Birgisson großen Anteil, daneben zeigen sich SÓLSTAFIR als fest verwachsene Einheit, die spielerisch viel zu bieten hat. Und gerade Sänger Aðalbjörn Tryggvason zeigt, dass sein Gesang immer besser wird – seine rauen Vocals hat er besser unter Kontrolle, der melodische Gesang ist sicherer und leidenschaftlicher.

Ótta wird vielen SÓLSTAFIR -Freunden auf den ersten Blick zu ruhig sein, wer aber in diese unglaublich tiefe und vielschichtige Musik eintaucht, wird nicht umhin kommen, SÓLSTAFIR zu attestieren, ihr bisher bestes Album erschaffen zu haben. So traurig und stürmisch diese acht Songs auch wirken mögen, sie bewirken bei mir vor allem Eins: Eine zumindest mentale Rückkehr nach Island und viele ausgeschüttete Glückshormone.

Veröffentlichungstermin: 26. August 2014

Spielzeit: 57:16 Min.

Line-Up:
Aðalbjörn Tryggvason – Guitar, Vocals
Sæþór Maríus Sæþórsson – Guitar
Svavar Austmann – Bass
Guðmundur Óli Pálmason – Drums

Produziert von Birgir Jón Birgisson
Label: Season Of Mist

Homepage: http://www.solstafir.net/

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/solstafirice

Tracklist:
1. Lágnætti
2. Ótta
3. Rismál
4. Dagmál
5. Miðdegi
6. Nón
7. Miðaftann
8. Náttmál