PARADISE LOST: Medusa

PARADISE LOST: Medusa

Damit hätte ich nie gerechnet: „Medusa“ ist wie ein alter, sehr guter Freund, den man nach langer Zeit wiedertrifft – und gemeinsam feststellt, dass die wichtigen Dinge noch genauso sind wie früher. Mit den drei letzten Alben „The Plague Within“ (2015), „Tragic Idol“ (2012) und „Faith Divides Us – Death Unites Us“ machten PARADISE LOST ja schon einige Annäherungsversuche an die alten Tage. Das war ein flüchtiges Wiedersehen mit einem einst geschätzten Menschen, bei dem man feststellen darf, dass es ihm ganz gut geht, dass man sich noch was zu sagen hat und dass er irgendwie noch immer der Alte von damals zu sein scheint. „Medusa“ hingegen ist ein ganz ungestörtes Wiedersehen mit ganz viel Zeit, einer Flasche Rotwein, einer durchgequatschten Nacht und Erinnerungen, die wieder lebendig werden.

„Medusa“ ist nicht nur dank Greg Mackintosh-Signature-Gitarrenleads zu 100 % PARADISE LOST

Der Opener „Fearless Sky“ ist für mich einer der besten, wenn nicht gar der beste PARADISE LOST-Song, den Greg Mackinstosh je geschrieben hat. Achteinhalb Minuten zähe Doom-Riffs, Growls von Nick Holmes, die direkt aus der Gruft kommen und über allem die typischen Mackintosch-Signature-Leads, schöner, melancholischer, wehmütiger und intensiver als je zuvor. Ein freier Fall in die Dunkelheit, von dem man sich wünscht, er möge bodenlos sein. Der harte Aufprall bleibt einem bei „Medusa“ dann tatsächlich erspart, wenn auch nicht alle Songs die Tiefe und Intensität von „Fearless Sky“ erreichen.

Drummer Waltteri war nicht mal geboren, als PARADISE LOST die ersten Alben veröffentlichten

„Medusa“ ist mehr als selbstvergessenes Schwelgen in der Vergangenheit, es gibt auch Neues zu entdecken. Mit ihrem blutjungen Drummer Waltteri Väyrynen (als er 1994 geboren wurde, hatten PRADISE LOST schon vier Alben veröffentlicht!) haben PARADISE LOST einen richtig guten Fang gemacht – er hat einen eigenen Stil, besonders „Gods Of Ancient“ und „From The Gallows“, bei dem er viel mit den Toms macht, lässt aufhorchen – das gab’s so bei PARADISE LOST noch nicht. „From The Gallows“ erinnert an „Ambers Fire“ von „Icon“ und „Falling Forever“ von „Gothic“ – geschrieben wurde der Songs zur Hälfte schon in den Neunzigern, wie uns Mackintosh im PARADISE LOST-Interview zu „Medusa“ erzählt. Das kann man tatsächlich auch hören.

30 Jahre PARADISE LOST in einem Song: „The Longest Winter“

„The Longest Winter“ lebt vom Gitarrensound – und vom Kontrast in Holmes Gesang, der hier von Growls wie zu „Lost Paradise“-Zeiten bis zum zurückgenommenen Klargesang („One Second“ und ja, „Host“) einmal alles, was er bei PARADISE LOST zu Gehör brachte, in einen Song packt. Der Titelsong „Medusa“ ist mit „Fearless Sky“ das Highlight des Albums. Über kitschige Keyborads (kennt man auch von „Host“) packen PARADISE LOST 2017 eine leise, aber extrem verzerrte und runtergestimmte Gitarre – da schließt sich erneut ein Kreis.

Nicht ohne Grund ist der Titelsong „Medusa“ in der Mitte platziert – auf LP gibt’s vor dem Song eine Pause, weil man die Platte umdrehen muss. Es ist also der zweite Opener – und vereint einmal mehr die bekannten Stärken der Band wie ihr Gespür für Melodien und eine bittersüße Melancholie mit den neuen, zähen, hoffnungslosen Doom-Klängen.

Ungewohnt sperrig, mit Off-Beat-Drumming und schiefen Gitarrenharmonien ist „No Passage For The Dead“ der spannendste, aber auch forderndste Track von „Medusa“. Das Gegenstück dazu: „Blood And Chaos“, vom Label als erste Single ausgesucht, geht schnell ins Ohr und hat diese typische PARADISE LOST- Melodie, die auch Band-Hits wie „As I Die“, „Pity The Sadness“ oder „Shadowkings“ auszeichnet. Auf „Medusa“ wirkt „Blood And Chaos“ mit seiner Eingängigkeit aber fast wie ein Fremdkörper.

Mit „Medusa“ machen PARADISE LOST da weiter, wo sie aufgehört haben – und es keinem recht: Den einen wird’s zu hart sein, den anderen stellenweise zu soft, andere werden der Band vorwerfen, sie sei vollkommen unglaubwürdig und wolle jetzt auf der Doom-Welle mittreiben. Und überhaupt: PARADISE LOST sind seit „One Second“ ja eh nix mehr. Für mich ist „Medusa“ die jetzt vollkommene Rückbesinnung auf das, was PARADISE LOST früher ausgemachte: Melodie, Melancholie, Moll.

Diese Entwicklung war abzusehen, wenn man die letzten Alben aufmerksam angehört hat. Umso schöner, dass sie zur alten Stärke zurückgefunden haben. Denn mal ehrlich, wirklich innovativ waren die Briten schließlich nur bis in die frühen Neunziger – danach haben sie (durchaus gekonnt) andere Einflüsse überhand nehmen lassen. Das war nicht immer schlecht, aber halt auch nie wegweisend. Jetzt geht’s endlich wieder in die richtige Richtung!

Tracklist PARADISE LOST „Medusa“

Fearless Sky (8:30)
Gods Of Ancient (5:50)
From The Gallows (3:42)
The Longest Winter Lyricsvideo bei YouTube(4:31)
Medusa (6:20)
No Passage For The Dead (4:16)
Blood And Chaos Video bei YouTube (3:51)
Until The Grave (5:41)

Line-up
Steve Edmondson – Bass
Aaron Aedy – Gitarre
Greg Mackintosh – Gitarre
Nick Holmes – Gesang
Waltteri Väyrynen – Drums

VÖ-Datum: 1. September 2017

Label: Nuclear Blast

Homepage: www.paradiselost.co.uk
Mehr im Netz: facebook.com/paradiselostofficial

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andrea

Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin…