PANPHAGE: Jord

PANPHAGE: Jord

Vor zwanzig Jahren war ich jung, und alles war neu, insbesondere die ungestüme Gewalt und Schönheit der Metal-Musik. Wer mich damals kannte, sah einen schmächtigen Nerd mit komischen Bandshirts, oder besser: Der sah ihn nicht, denn die meiste Zeit beschäftigte sich dieser Typ damit, den mit schwitzigen Händen gierig aus ihren Foliengefängnissen zu befreienden Meisterwerken aus der letzten Metal-Mailorder-Bestellung zu huldigen. Damals musste man noch per Postkarte bestellen und tatsächlich auf neue Musik warten. Gruselig! Heute, da der diesem Anfang innewohnende Zauber längst verflogen und jede neue Musik nur noch einen Mausklick entfernt ist, ist alles anders. Oder?

Der größte Verdienst des Nordvis-Labels (und artverwandter – ich denke da z.B. an Trollmusic oder Eisenwald) ist es – für mich -, dieses Gefühl wieder aufleben zu lassen, und zwar sowohl durch die herrlich altmodische – man könnte auch sagen: traditionelle – Aufmachung ihrer Veröffentlichungen und die Wertschätzung, die sie ihnen entgegen bringen, als selbstverständlich auch durch die teilweise angenehm schrulligen Veröffentlichungen selber. Das schwedische Ein-Mann-Projekt PANPHAGE ist da für mich das leuchtendste Beispiel für: Auf allen drei Alben, die es seit 2015 herausgebracht hat, gibt es schwarzmetallische und folkloristische Urigkeit par Exzellence zu hören, fern von jeglicher Anbiederung an Trends oder Gedanken an kommerzielle Verwertbarkeit. Insbesondere das 2016er-Werk „Drengskapr“ rief in mir auf Anhieb ähnliche Gefühle hervor wie zwanzig Jahre zuvor das Debüt von Borknagar oder „The Loss and Curse of Reverence“ nachts auf VIVA (hundertmal abgespielt danach via VHS – auch das heute nur mehr einen Mausklick entfernt jederzeit verfügbar im Netz; Fluch oder Segen? Wen interessiert’s.): das Gefühl, Zeuge von etwas Erhabenem, Unerhörtem zu werden; Musik, die es vermag, tiefste Leidenschaften zu wecken, Leidenschaften, die nur wenige teilen. Diesen elitären Narzissmus, den wohl viele Jugendliche auf irgendeine Art verspüren, kann ich als nunmehr ab- und aufgeklärter Mitt-Dreißiger natürlich analytisch als solchen entlarven – das Gefühl jedoch stellt sich immer noch ein, und wenn ich alleine bin, in der Natur, mit Kopfhörern auf, dann ist es mir halt auch egal, wie blöd es eigentlich ist. Dann ist es einfach nur geil.

Man kann sich an dieser Stelle schon denken, wie scharf ich auf „Jord“, das dritte und letzte Album von PANPHAGE, gewesen bin. Die Ankündigung, dass es sein intimstes, persönlichstes Album würde, ein Abgesang und eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe, machte mich doch recht neugierig. (Man lese bei Interesse dazu dieses hervorragende Interview). Und Recht hatte sie: Wo „Drengskapr“ eine epische Geschichte erzählte, erzählt „Jord“ erstmal nur von sich: Mit Ausnahme des ersten ballert jedes Lied direkt los, Gefangene werden keine gemacht, die Produktion ist zugleich druckvoller und roher geworden, anders gesagt: Wo „Drengskapr“ heroisch verklärt irgendwo überm Meer das Schwert schwang, stapft „Jord“ nun durch den Wald, und da spielt weniger ein Schwert als vielmehr ein kaltes Bier die entscheidende Rolle.

Da muss man sich natürlich erstmal dran gewöhnen. Hat man’s getan, ist alles gut: Dann entdeckt man, wenn’s Bier halt alle ist, auch die zarten Geister im Wald, Feen und so, und die vertragen sich erstaunlich gut mit dem garstigen Waldschrat, der man ist. PANPHAGE, so liest man, habe kein Interesse mehr an Black Metal – na und? Ich schon. Und zwar an genau solchem: wild, ungestüm, roh, keinen Fick auf irgendwas gebend, und trotzdem voller melodischer Schlenker, an denen sich festhalten mag, wer – wie ich – nicht verstehen kann, weshalb es Musik gibt, die außer Negation irgendwie mal rein gar nichts ausdrückt. PANPHAGE hingegen gibt Kraft, macht Mut und sorgt dafür – Vorsicht: schon wieder ein Klischee -, dass man jung bleibt. Nicht das schlechteste, was man über Musik sagen kann – und vermutlich genau das, was wir an Metal so lieben. Deshalb: Augen auf im Untergrund, Geld nach Schweden überweisen! Die wunderschönen Platten machen sich nämlich auch gut als Wohnungsdeko, und das ist hilfreich, wenn einem auffällt, dass man bei aller Liebe zum Eskapismus halt letzten Endes doch nur ein in der bürgerlichen Gesellschaft verwachsener stinknormaler Erwachsener bleibt.

 

Veröffentlicht: 05.01.2018

Spielzeit: 40:30

Line-Up: Fjällbrandt – alles

PANPHAGE im Netz: https://panphage.bandcamp.com

Tracklist:

1. Odalmarkerna 06:11

2. Måtte dessa bygder brinna 06:15

3. Ygg (En visa om julen) 05:32

4. Skandinawjo 06:07

5. Den tyste åsen 06:07

6. Som man sår får man skörda 06:16

7. Osådda skall åkrarna växa (Outro) 03:59

Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.