PANOPTICON: The Scars Of Man On The Once Nameless Wilderness

PANOPTICON: The Scars Of Man On The Once Nameless Wilderness

Mit PANOPTICON verbindet mich seit Jahren eine spezielle Verbindung: Das Ein-Mann-Projekt eines Mannes namens Austin Lunn aus den USA war das erste mir bekannte, das sowohl dezidiert linke Inhalte als auch Bluegrass/Americana Folk-Elemente mit Black Metal verband. Dabei liegt beides eigentlich nahe, hatte Black Metal doch spätestens seit Mitte der 90er durch seine naturromantische Ästhetik eine enge Verbindung zur ökologisch-aktivistischen Bewegung, und war es doch nur folgerichtig, dass ein US-Amerikaner sich auf seine Wurzeln besann, indem er die Musik seiner Vätter und Großväter für sich entdeckte. Beides freilich birgt die Gefahr des Abbiegens nach rechts – primitivistische Ansätze zur sog. „Erdbefreiung“ lassen die polit-ökonomische Komponente der Umweltzerstörung außer Acht und blanke Misanthropie entstehen, und Besinnung auf die eigenen Wurzeln kann schnell zu Heimattümelei und Abgrenzung zu allem Fremden werden.

Dann veröffentlichte Lunn vor ca. zehn Jahren „Kentucky“, ein Album, das das Kunststück vollbrachte, bodenlose Wut auf den Kapitalismus mit historischen Geschichten von anarchosyndikalistischen Arbeitskämpfen und zarter Naturromantik zu verbinden – ein Meisterwerk! Die Geschichte der Bergleute Kentuckys ist eine globale – als Ruhrgebietsbewohner hatte ich sie direkt vor der Haustür, und auch in England weiß man das ein oder andere Lied davon zu singen – und doch eine lokale, denn so sehr sich Geschichten und Landschaften doch ähneln, sie sind immer einzigartig, und es zählt immer der Einzelfall, wenn es darum geht, die durch kapitalistische Mechanismen der Verwertung und Ausbeutung allen Lebens im Zeichen des sog. Wirtschaftswachstums bedingte Zerstörung der Welt anzuprangern – ein System, das wenigen (Staat und Kapital) nutzt und den meisten schadet.

Was also kann „The Scars Of Man On The Once Nameless Wilderness“ bieten?

Allein, musikalisch war damit alles gesagt, und die Nachfolgewerke „Roads to the North“ und „Autumn Eternal“ konnten mich nicht mehr so sehr begeistern (wohl aber die meisten anderen Fans PANOPTICONs, so dass ich höflich darum bitte, meine Meinung nicht allzu hoch zu hängen), und so machte mich die Ankündigung eines neuen Werks sowohl frohlocken als auch zittern – war Lunn in eine der Fallen (Drift nach rechts, musikalische Belanglosigkeit…) getreten, die sich für ihn auftaten? Es sollte ein Zweiteiler werden – ein Album überwiegend Black Metal, eins überwiegend Bluegrass und Americana – , und das wiederum ließ den Zeiger für mich doch gehörig in Richtung Vorfreude ausschlagen, denn auch mein persönliches Musikinteresse erweitert sich zur Zeit gehörig in akustisch-folkloristische Gefilde. Was also kann „The Scars Of Man On The Once Nameless Wilderness“ bieten?

Für den ersten Hördurchlauf wählte ich Kopfhörer und eine Wanderung im Sauerland, und ich hoffe, niemand hat das Ballen meiner Faust gesehen, als ich am Ende des ersten Teils ein Sprachsample vernahm, das zumindest die inhaltliche Befürchtung beruhigen konnte: Da spricht ein alter Mann – es ist Sigurd Olson, ein bekannter Aktivist für Wildnis und Naturschutz – über seine Hoffnung für die Zukunft. Und er sagt nicht, was viele andere sagen: Dass die einzige Hoffnung für die Erde der Tod des Menschen sei. Nein, er sagt: „Meine Hoffnung für die Zukunft seid ihr, ihr jungen Menschen.“ Und es wird klar: Lunn hat sich auch dieses Mal wieder für das Leben entschieden und gegen den Tod. Warum auch Menschenhass und evtl. sogar faschistische Allmachtsphantasien entwickeln, wenn man selbst ein Mensch ist, der jeden Tag die Wahl hat, sich für gute oder schlechte Handlungen zu entscheiden? Warum jede wissenschaftliche Analyse der Gesellschaft verwerfen, wenn man sich auch mit Gleichgesinnten hinsetzen kann, die Gesellschaft zu durchdringen und sie zum Positiven zu verändern? Warum das eigene Leben wegwerfen, wenn man es – allen Widerständen zum Trotz – auch zelebrieren und dadurch nähren kann? Lunn hat für jedes Lied Liner-Notes geschrieben, die genau diese Botschaft vermitteln: Ja, die Welt geht vor die Hunde, aber es ist noch nicht zu spät, etwas gegen die Tyrannei von Beton und Bildschirm bzw. eben von staatlich geschützten privatwirtschaftlichen Interessen zu tun. Und sei es nur, das Licht und Leben, das es noch gibt, wertzuschätzen, um sich ganz persönlich gegen den Abstieg in die ewige Nacht zu wappnen.

Ohnmacht vs. narzisstische Überhöhung – wo stehen wir als Einzelne in diesem System?

Nach einem musikalisch überwiegend vor Raserei und Epik strotzenden ersten Teil – sehr sinnvoll sporadisch unterbrochen von einigen akustischen Einsprengseln, Sprachsamples, Geigen und Chören -, in dem es schwer fällt, Höhepunkte auszumachen, der als Gesamtwerk aber gut funktioniert, beginnt so auch der zweite Teil: mit der Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Lunn hat – das zeigen wieder die Liner-Notes – hierfür Lieder von 2011 bis 2017 auf ein Album gepackt und behandelt Themen wie Sozialphobie, Depression durch Entfremdung von den eigenen Bedürfnissen in der Stadt, das Leid der Lohnarbeit und die eigene Verstrickung in das System. Er tut dies mit einer Stimme, die mich fragen lässt, wieso er sich so lange Zeit gelassen hat für ein ganzes Americana-Album. Leider kommt mir der Bluegrass-Anteil etwas zu kurz; ich hätte mir weniger „Dark Americana“-Balladen gewünscht, aber die Thematiken legen diese natürlich nahe; und ist diese Enttäuschung erstmal verarbeitet, entwickeln auch die Balladen eine Magie, die mich immer wieder zu ihnen zurückkehren lassen. Als herausragend empfinde ich das finstere Country-Stück „The Wandering Ghost“ und die in ihrer Wehmut sehr tröstliche Rock-Ballade „Not Much Will Change When I Am Gone“, das den Stellenwert der eigenen Person für den Lauf der Welt sinnvoll bestimmt.

Umso weniger verstehe ich, wieso Lunn das Album mit einer Botschaft enden lässt, die ich hier noch dringend kritisieren muss: die des „Mea Culpa“ nämlich. In „The Itch“ klingt es bereits an, dieses entsetzlich apolitische „Niemand hat Schuld, wir sind alle die Bösen“, in dem die Wendung nach Rechts schon angelegt ist, und in „The Devil Walks The Woods“ wird es ausgeführt: dass Lunn sich selbst als einen maßgeblichen Teil dessen betrachtet, das diesen Planeten zerstört. Das ist jedoch Unfug, bürgerliche Ideologie, die vom wahren Grund für Umweltzerstörung ablenkt: den Interessen einer Privatwirtschaft nämlich, die dem Profit alles unterordnet, und die von ihren jeweiligen Nationalstaaten dafür alle Freiheiten bekommt, bis hin zur Expansion ins Ausland; wofür die Regierungen dann auch regelmäßig die Welt mit Kriegseinsätzen überziehen (lassen) – denn wer Macht hat und sie demonstrieren kann, sei es diplomatisch oder auf dem Schlachtfeld, kann andere Staaten zum eigenen Nutzen in Abhängigkeiten verwickeln.

Na klar fahre auch ich als einzelner (lohnabhängiger!) Mensch mal mit dem Auto; na klar produziere ich Müll; na klar kaufe auch ich mir mal neuen Elektroschrott – aber das tue ich erstens, um meine (psychische wie physische) Gesundheit zu erhalten, und was ist das bitte zweitens im Verhältnis zu den „riesigen Sägewerken“ (Jens Rachut), die Geschäft und Gewalt in dieser „unserer“ Welt bestimmen? Eben.

Die Quintessenz von PANOPTICON

Übelnehmen möchte ich Austin Lunn diesen Fehler aber nicht. Zur Auseinandersetzung mit der Welt gehört ja auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in dieser, und dazu sagt und singt und tut er auch viel Gutes und Richtiges – und jeder hat mal ein schlechtes Gewissen, es ist nicht falsch, darüber ein Lied zu machen. Es steckt ja auch Wahrheit darin: Niemals darf eine Reflexion der eigenen Rolle in der Welt zu bloßer Gleichgültigkeit führen.

Bevor mir nun der Vorwurf der Gleichgültigkeit vor der musikalischen Qualität dieses Werks gemacht wird, eine Einordnung: „The Scars Of Man On The Once Nameless Wilderness“ ist, was den Black-Metal-Teil betrifft, nichts Außergewöhnliches, aber gutes PANOPTICON-Material; insgesamt ist das Album eine Art Quintessenz des Schaffens von PANOPTICON, es bietet alles, was das Projekt ausmacht, und mehr: das unfassbar gute und stilprägend-eigenständige Schlagzeugspiel Lunns etwa (wem dies auch so gut gefällt, dem empfehle ich dringend „Aura“ von SAOR, dort trommelt er ebenfalls so genial), dazu spannende Gastsänger (von SAIVA und DELLA NEBIA), und die Verbindung von Black Metal, Post Rock und Americana – obschon überwiegend getrennt – wirkt absolut organisch (der Übergang z.B. ist großartig gestaltet und lässt es als sehr sinnvoll erscheinen, sich für den Heim- oder Outdoorgebrauch eine MP3-Version zuzulegen!). Schade nur und absolut unverständlich, dass der Gesang im Metal-Teil so leise abgemischt ist, und schade, dass die Songs dort letztlich nicht ganz die Qualität des Materials auf „Kentucky“ erreichen (da war mehr Hymne, mehr Melodie, die ins Mark ging). Wenn man aber das Album als Ganzes hört und sich mit den Inhalten befasst – etwa auf einer Wanderung -, wird man mit einem beeindruckenden Erlebnis belohnt, das das eigene Fühlen und Denken bereichert und weiterbringt und trotz seiner kleinen Fehler noch lange wirken wird.

Spielzeit: 118:45 Min.

Veröffentlicht im April 2018 bei Nordvis
Das Album bei bandcamp

P.S.: „Not one person was asked to review this album“ steht auf der Platte – sorry 😉

Tracklist:

Part I
1. Watch the Lights Fade
2. En Hvit Ravns Død
3. Blåtimen
4. Sheep in Wolves Clothing
5. A Ridge Where the Tall Pines Once Stood
6. En Generell Avsky
7. The Singing Wilderness
8. Snow Burdened Branches

Part II
1. The Moss Beneath the Snow
2. The Wandering Ghost
3. Four Walls of Bone
4. A Cross Abandoned
5. Beast Rider
6. Not Much Will Change When I’m Gone
7. Echoes in the Snow
8. The Itch
9. (Cowering) At the Foot of the Mountain
10. The Devil Walked the Woods

Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.