NEAL MORSE: Morsefest 2015 [4CD/2DVD bzw. 2 Blu-ray]

NEAL MORSE: Morsefest 2015 [4CD/2DVD bzw. 2 Blu-ray]

Nöö, ich kann nicht wirklich Schlaumeiern, wenn es um NEAL MORSE geht. Dank dem Promotion-Spezi meines Vertrauens bin ich tatsächlich erst durch das fantastische aktuelle Werk „The Similitude Of A Dream“ richtig aufmerksam geworden auf den Prog-Rocker und seine eigenen Werke abseits von SPOCK´S BEARD, TRANSATLANTIC und vor tatsächlich auch schon fünf Jahren FLYING COLORS. Schaut man sich dann als Spätzünder seine Discographie an, dann sind seit seinem Solotrip 2002 fette Live-Releases anscheinend sein großes Hobby. Aber halt nicht, weil ihm anscheinend nichts Neues einfällt, letztendlich liefert der Mann im Akkord neue Alben ab, die es für mich so langsam mal zu erkunden gibt. Nun aber ist es Zeit, das MORSEFEST 2015 zu feiern, das von NEAL MORSE selbstgeschaffene Festival, um seine Musik nach seinen Vorstellungen passend zu präsentieren. Und das eben auch hier auf vier CDs und zwei DVDs bzw. Blu-rays in einem dicken Digipack, das entfaltet schon mal ordentlich Platz braucht.

Je zwei CDs und eine DVD enthalten eine Show, die Band spielte an zwei Abenden in der New Life Fellowship Church in Neals Heimatstadt Cross Plains unterschiedliche Programme. „Night 1“ präsentiert uns u.a. einige Songs vom 2015 aktuellen Album „The Great Experiment“ und das komplette 2005er Album „?“. Intro, ab geht´s, „The Call“ nimmt uns mit auf eine spannende Progressive-Reise, die einen sofort aus dem Alltag zieht und mit herrlichen Melodien, typische, aber immer wieder spannenden Spinnereien und Abfahrten durch allerlei Tonleitern schubst und zum konzentrierten, durchgehend entzückten Lauschen einlädt. Abermals die Erkenntnis, dass der Mann eine tolle, angenehme Stimme hat, mit der er seine Geschichten fesselnd erzählt. Hätte es bei den Barden schon Prog-Rocker gegeben, MORSE wäre sicher ganz vorn gewesen. Knackig rockig der Titelsong des beackerten Albums, mit Ohrwurmrefrain und reichlich Momenten, die einen als Musiker abwechselnd beeindruckt mit dem Kopf nicken lässt oder selbigen immer wieder schüttelt ob der faszinierenden Leistung, welche die Musiker hier bieten. Sogar „Kumbaya“, altvertraut von diversen betreuten Jugendzeltlagern abends am Lagerfeuer und Gospelabenden heimischer Chorgruppen, kann MORSE auf seiner neuen sonderbaren Piano-Harfe spielen. Feurig auch „Go The Way You Go“ vom ersten SPOCK´S BEARD-Album. JIMMY WEBB´s „MacArthur Park“ wird ordentlich durchgerührt. Mag man die Stimme von Keyboarder Bill Hubauer? Etwas knödelig und rau bietet sie einen guten Kontrast zum Herrn Morse. Aber großen Gesang gibt es hier genug, alle Kollegen dürfen ran und bieten teils fantastischen Satzgesang und tolle Backings.

Eigentlich ist es eher egal, was die NEAL MORSE BAND gerade spielt, weil es einfach Spaß macht zuzuschauen. Die Spielfreude der Musiker ist immer präsent, und ganz nebenbei liefern die Herren einen Einsatz auf den Instrumenten ab, dass man nur beeindruckt sein kann. Knuffig immer wieder Basser Randy George, dem es sichtlich unangenehm zu sein scheint, im Fokus der Kamera zu stehen. Dabei ist die Kameraführung sehr gut, jedem kann man mal auf die flinken Finger schauen, die Bilder wechseln passend zur Musik schnell, aber nie hektisch. Hektik kommt auch beim immer mal gezeigten Publikum nicht auf. Das genießt konzentriert und gepflegt sitzend die Musiker und ihre Songs, geht im Verlauf des Sets immer mehr mit, schunkelt, swingt, jubelt. Schön, dass es sich um eine überschaubare Location handelt, ein familiäres Feeling macht sich breit, die reichlich mit Gastmusikern gefüllte Bühne wird in ein gekonnt, nicht überzogenes Lichtdesign getaucht inklusive Monitoren für die visuelle Untermalung. Es gibt den MORSE-Oldie „A Whole Nother Trip“ vom allerersten Soloalbum, Phil Keaggy schaut mit der Gitarre vorbei, ein gefeierter Musiker der modernen Christlichen Musikszene in den USA. Zum Showdown hin wird es nochmal groß, der sehr gute Chor macht sich stimmlich breit, die Bläser geben alles, NEAL MORSE gibt sich theatral. Braucht man einen Pastor auf der Bühne, auch wenn das Festival wohl an dessen Arbeitsplatz stattfindet? Dann doch lieber das Prog-Rock-Orchester mit bis zu 38 Musikern. Na ja, wir sind hier bei NEAL MORSE, der seinen Glauben immer gern in den Fokus rückt. Es wird musikalisch noch mal alles aufgefahren an abgefahrenen Spinnereien zum Schwiegervater vertreiben. Bei all der musikalischen Höchstleistung dieses Abends ist es fast schon erholsam, wenn sich gerade Herr MORSE mal vergreift und ein paar schiefe Töne aus seiner Strat entweichen. Irgendwann lässt anscheinend auch die Konzentration solcher Großmeister nach, schön dass sie trotz aller Perfektion immer noch Menschen sind. Witzig die Blicke der Kollegen irgendwo zwischen irritiert und amüsiert, da entweicht sogar Basser George ein Schmunzeln. Natürlich hält es das Publikum nicht mehr auf den Stühlen, man hat eine fantastische Show gesehen mit sehr gutem Sound und der Gewissheit, hier ganz große Musikalität geboten bekommen zu haben und keine durchgeplante Show irgendwelcher Megaseller, die auf der Bühne nur ihren Job machen.

Die zweite Nacht bzw. zweite DVD bietet uns die Live-Präsentation des Albums „Sola Scriptura“ von 2007, einem Häppchen SPOCK´S BEARD und TRANSATLANTIC. Die Bühne ist wieder gut gefüllt, die Songs ausufernder und irgendwie auch sperriger, was einlädt, noch tiefer in den Kompositionen zu versinken, Kopfhörerpflicht! Ewig lange Rockopern wie „The Door“ und das rockige „The Conflict“ ziehen einen raus aus dem Alltag, was für ein Genuss! Zwei Mädels tänzeln in Mönchsroben über die Bühne, auch später dürfen wir die jungen Damen, eine zudem MORSE-Tochter Jayda, immer wieder mal bewundern, wie sie das Bühnenprogramm aufhübschen. Zum gut Aussehen haben die Herren weniger Zeit, sie sind konzentriert mit den Songs beschäftigt. Latinoklänge treffen auf große, einschmeichelnde Melodien, immer gern mal mit dezentem, aber angenehmen Kitschfaktor. Sakrale Momente treffen auf mal jazzige, mal spinnige Abfahrten. Später ist dann auch SPOCK´S BEARD-Ex-Kollege Nick D-Virgilio an Bord und macht einen fantastischen Job an den Drums. Na ja, wie halt ausnahmslos alle beteiligten Musiker. Witzig zu sehen, wie beeindruckt so manche Dame des Chors immer wieder übers ganze Gesicht grinst, wenn z.B. Eric Gillette mal wieder ein fettes Solo abliefert. Durch immer mal auftauchende entsprechende Passagen hat es Herr Morse zudem geschafft, dass nun auch mal wieder die „CSNY 1974“ neben dem Player auf ihren Einsatz wartet. Letztendlich hat sich abgesehen vom geänderten musikalischen Programm zur ersten Nacht nicht viel geändert. Man kann nur gebannt vor dem Fernseher sitzen und sich der fantastischen Show hingeben. Ok, man muss sich darauf einlassen, dass man hier die Geschichten eines leidenschaftlichen Christen geboten bekommt, wenn man selbst nicht zu diesem Club gehört, ist das mächtig viel Gott durch und durch. Wie MORSE seine Geschichten erzählt, das vermag hingegen zu fesseln. Ich persönlich finde es albern bis zutiefst peinlich, wenn es gerade für die Freunde härterer Klänge ganz normal ist, wenn über Tod, Krieg, Kampf und Satan gesungen wird, aber wenn jemand christliche Texte hat, dann wird das negativ gewertet. Wer nicht missioniert werden will, der sollte halt den Gesang als solchen genießen und bei den Lyrics weghören. Gemeinsam mit der fantastischen Musik bildet dieser ein großes, stimmiges Gesamtwerk. Und bei aller Konzentration auf der Bühne merkt man allen Beteiligten an, dass sie viel Spaß haben, und auch wenn die Kamera natürlich oft auf MORSE und PORTNOY hängt, bekommen alle genug Raum, einen Egotrip hat NEAL MORSE nicht nötig. Das erkennt man auch beim unterhaltsamen Doku-Film „Prog Jeopardy“, über eine Stunde Bilder von der Vorarbeit, vom Drumherum, viele Leute kommen zu Wort, die Musiker und auch Fans. Schön anzuschauen, eine stimmige Ergänzung zu den gezeigten Live-Shows. Und wenn man sich mal nicht auf einen langen Fernsehabend einlassen kann, dann hat man halt die Möglichkeit, die beiden Shows auf jeweils zwei CDs zu genießen.

Danke auch, dass sich das Paket abgesehen von der Überbreite an normale Größen hält, so passt das Prachtwerk gepflegt ins normale CD-Regal neben die wohl bald unvermeidbar anwachsende NEAL MORSE-Sammlung. Im Pack selbst gibt es dann nicht viel mehr zu erleben, ausführliche Aufführung der Musiker und weiteren Beteiligten, begleitende Worte vom Bandkopf und ein paar Bilder. Das ist genug, wenn man so viel großartige Musik von großartigen Musikern in Bild und Ton geboten bekommt.

„Morsefest 2015“ ist ein gelungenes Gesamtpaket und für Proggies und Fans von NEAL MORSE ein Pflichtkauf, das man garantiert oft aus dem Regal ziehen wird. Wer wie ich eher Neuling ist beim Thema MORSE, der bekommt einen fantastischen Einblick, was dieser großartige Kerl zu bieten hat. Unvermeidbar, dass dieses Live-Package dazu verführen wird, sich auch näher mit der gewaltigen Discographie des Amerikaners zu beschäftigen.

24.03.2017
80:21 / 63:45 / 70:11 / 66:16

Neal Morse – Vocals, Guitars, Keyboards
Mike Portnoy – Drums, Vocals
Eric Gillette – Guitars, Vocals
Randy George – Bass, Vocals
Bill Hubauer – Keyboards, Vocals

Gäste:
Phil Keaggy – Guitar
Nick D-Virgilio – Drums, Vocals
Nathan Brenton – Cello
Eric Brenton – Violin
Wil Morse – Backing Vocals, Keyboards
Gabe Klein – Percussion
Debbie Breese – Background Vocals
April Zachary – Background Vocals
Julie Harrison – Background Vocals
Stacie Funk – Background Vocals
Amy Pippin – Background Vocals
Emmanuel Kalechi – Trumpet
Joe Douglas – Alto Sax
Ben Clark – Trumpet
Nate Heffron – Tenor Sax
Oscar Utterstrom – Trombone

Chor: Gideon Klein (Conductor), Christian Pippin, Bonnie Massie, Wil Morse, Aaron Webb, Brenda Causey, Ashley Morrell, Reva Farmer, Gideon Klein, Dave Klein, Laurie Klein, Jerry Klein, Rosie Klein, Joey Pippin, Ally Smith, Joanie Howard, Kathy O’Keefe, Amber Thompson, Justin Zachary

Label: Radiant Records / Metal Blade / Sony Music
Homepage: http://www.nealmorse.com
Mehr im Netz: https://www.facebook.com/nealmorse

Tracklist:
CD 1:
1. Intro
2. The Call
3. The Grand Experiment
4. Go The Way You Go
5. MacArthur Park
6. A Whole Nother Trip
7. New Jerusalem

CD 2:
1. Question Mark Intro
2. Temple Of The Living God
3. Another World
4. The Outsider
5. Sweet Elation
6. In The Fire
7. Solid As The Sun
8. The Glory Of The Lord
9. Outside Looking In
10. 12
11. Entrance
12. Inside His Presence
13. The Temple Of The Living God Reprise

CD 3:
1. Intro
2. The Door
3. The Conflict
4. Heaven In My Heart

CD 4:
1. The Conclusion
2. Waterfall
3. At The End Of The Day
4. Wind At My Back
5. Whirlwind Medley

DVD 1:
Morsefest 2015 – Night 1
Behind The Scenes Documentary

DVD 2:
Morsefest 2015 – Night 2
Prog Jeopardy

Teilen macht Freude:

Frank Hellweg

Lebensmotto „stay slow“, Doomer halt….
Love & Peace geht auch immer, nur ohne Musik geht nichts!