MUFF POTTER: Heute wird gewonnen, bitte

MUFF POTTER: Heute wird gewonnen, bitte

Der Postbote kam am Samstag, wie der Merchandiser von MUFF POTTER es mir versprochen hatte, aber ich war nicht da, und meine Eltern nicht, und mein Bruder schlief. Das macht er immer am Samstag um zwölf. Es ist unglaublich, welche durchschlagende Wirkung die drei harmlosen Wörter „heute“, „jedoch“ und „nicht“ in einer logischen Kombination auf einem Zettel von der Post besitzen. Ich beschloß, das Ganze positiv zu sehen und mich in Vorfreude zu suhlen. War sie berechtigt?

Das schlimmste an „Heute wird gewonnen, bitte“ ist sicherlich die Angst. MUFF POTTER haben mit „Schrei wenn du brennst!“ das Maximale aus der Stilrichtung „emotionaler politischer Punkrock“ herausgeholt; dieses Album von 1997 enthält ein so explosives Gemisch aus Melancholie und purer (Lebens-)Wut, daß man es ebenfalls mit der Angst zu tun bekommen könnte – der Angst davor, derartige Intensität zu überstrapazieren vielleicht. „Wir sind die schwulen Säue und die dreckigen Zecken, wir sind geniale Krüppel und ihr am Verrecken – was sollen wir machen, außer lachen!“ sang Nagel damals, sicherlich nicht lyrisch hochwertig, aber hemmungslos ehrlich und ein Gefühl ausdrückend, daß man auch im Alter nicht unbedingt verlieren muß. „Bordsteinkantengeschichten“ von 1999 dann zeigte den Weg, den man gehen wollte, hin zu mehr Gefühl und weniger Wut, aber immer noch „Angry Pop Music“, wie man fortan den Stil beschrieb. Es ist ein perfektes wütendes Pop-Album und festigte bei mir die Überzeugung, daß MUFF POTTER schlicht die beste deutschsprachige Band ist, die da so kreucht und fleucht.

Auf „Heute wird gewonnen, bitte“, das ich dann am Montag endlich von der Post holen konnte, steht nun auch das Etikett „Angry Pop Music“. Wovor nun muß man Angst haben? Davor, daß das, was früher war, nicht mehr gelte; daß MUFF POTTER in diesen widerlichen Pop-Relativismus verfallen, für den eine Band wie KETTCAR exemplarisch steht, eine Band, die aus einer großartigen intelligenten und politischen Punkband hervorgeht und plötzlich nichtssagende Texte darüber schreibt, daß man aus Hamburg komme und das auch unglaublich toll finde. Und das Grausen beginnt gleich mit dem ersten Stück von „Heute wird gewonnen, bitte“; „Young Until I Die“ klingt sehr nach KETTCARs „Landungsbrücken raus“, und das schürt die Angst. Die Produktion ist spiegel-, wenn nicht aalglatt, die Gitarren krachen brachial gleichförmig, das Schlagzeug ballert ohne Kanten, und Sänger Nagels Reibeisenstimme klingt zwar nach Reibeisen, aber nach einem, in dem man sich spiegeln kann. Gut, so ist das eben heute, wenn man älter wird, man will auch mal einen vernünftigen Sound, keine Punk-Produktion mehr. Ist das alte Gefühl denn trotzdem noch da? Textlich geht´s gut los mit dem schönen „Ach, wie war das früher“-Spiel, das einen häßlichen Touch von „meine kleine unbedeutende Kindheit“ besitzt – „du hast mit 12 zu standbyme geweint und mit 14 bei den outsiders rache geschworen, mit 16 kanntest du den namen vom feind und mit 18 hast du ihn wieder verloren.“ Ist denn da kein Feind mehr? Friede, Freude, Pop-Eierkuchen?

Na ja, das hier sind MUFF POTTER, es ist noch lange nicht so schlimm. „Young Until I Die“ klingt zwar nach KETTCAR, ist es aber nicht. Und das folgende „Placebo Domingo“ ist dann musikalisch wieder ganz der kleine Muff – zwar gibt´s auch hier keine „Tabletten gegen Krebs“, ein schönes Bild, das auch schon auf den „Bordsteinkantengeschichten“ Verwendung fand, aber so ist das nunmal. Auch dieser Song handelt davon, in der allgemeinen Unwissenheit angekommen zu sein, in der jeder intelligente Mensch aus dem sog. „linken Spektrum“ einmal landet, eine Unwissenheit, die allerdings Gefahr läuft, zu blindem Aktionismus zu werden, wenn keine Inhalte, sondern nur noch die Aufforderung, „es krachen zu lassen“, im Vordergrund steht. Das selbe Motiv finden wir bei „Wir sitzen so vorm Molotow“, wo man Cocktails trinkt, „auf die gute alte zeit“. Das ist alles, was bleibt? „Die gute alte Zeit“, also nichts? Das stört richtig, genau wie die Zeile „coole hymnen auf den alkohol, die sind so unerträglich harmlos“ aus „Placebo Domingo“, weil sie mein Lieblingslied von MUFF POTTER, „Meduzin“, diskreditiert – das ist nämlich eine coole Hymne auf den Alkohol, und die ist zehnmal weniger harmlos als jeder einzelne der auf „Heute wird gewonnen, bitte“ vertretenen Lieder. „Ich kann mich ja kritisch integrieren“, sang Nagel auf dem selbstbetitelten Debütalbum übrigens voller beißender Ironie und meinte damit, daß er das ganz bestimmt niemals tun wolle. Es tut weh, daß das wohl eine leere Versprechung war.

Daß MUFF POTTER trotzdem an der Grenze zur sinnfreien Beliebigkeit vorbeischrammen, liegt daran, daß man ihnen diese Lieder einfach abnimmt, so wie sie sind. Ich kann nachvollziehen, daß man nach drei mehr oder weniger agitatorischen Alben, die aber immer schon auch resignativ und angepißt klangen, nun diese ganze Angepißtheit auf ein Level hievt, auf dem es geordneter zugeht. So wie früher zu bleiben wäre ermüdend, sicher, aber so ganz ohne Biß wäre es noch viel ermüdender. Künstler wie Wiglaf Droste oder auch der grandiose Max Goldt haben, obwohl sie aus einer anderen „Branche“ kommen, bewiesen, daß man auch über Jahre bissig und böse sein kann, ohne in popkultureller Sinnlosigkeit herumzuschwafeln. MUFF POTTER sind ganz kurz davor, in eben jener aufzugehen, aber eben: noch sind sie davor. Lieder wie „Am 5. Oktober, wie jedes Jahr“, in dem die Geschichte eines armen Obdachlosen erzählt wird, sind zwar schon sehr beliebig und drücken mächtig auf die Tränendrüse, und das ist igitt und beinahe Kitsch. Aber andere Lieder, wie „Dieser Saatjohann“ oder auch das Liebeslied „Die Hymne“, sind ehrlich, bissig und frei von Kitsch, und so möchte ich, daß es weitergeht. Denn MUFF POTTER besitzen die Gabe, wahnsinnig gute Songs zu schreiben, und so ist auch jedes einzelne der hier vertretenen Stücke ein Kleinod songwriterischer Eleganz, mit allem was dazugehört: mitreißende Melodien, Dynamik, Überraschung, höchster Suchtfaktor. Kombiniert mit Texten wie „Das Ernte 23 Dankfest“ oder „Schwester im Rock“ ergibt das ganz große wütende Pop-Musik in Reinkultur, von der ich immer mehr hören möchte. Ich möchte von jedem einzelnen dieser Lieder immer mehr hören, und das liegt einfach daran, daß es unglaublich gute Lieder sind, die irgendwo zwischen Pop und Punk da angekommen sind, wo es warm und gemütlich ist, aber irgendjemand vergessen hat, ein Fenster zuzumachen. Das ist okay, für die wirkliche Wut gibt es heute eben andere. Der kleine Muff ist erwachsen geworden; vielleicht sehnt er sich irgendwann nach seiner Kindheit zurück. Bis dahin läuft „Heute wird gewonnen, bitte“ jeden Tag und, na ja, das macht eben auch Spaß.

Spielzeit: 53:59 Min.

Line-Up:
Dennis – gitarre, gesang

Nagel – gitarre, gesang

Brami – schlagzeug

Shredder – bass

Produziert von Muff Potter/Huck´s Plattenkiste
Label: Huck´s Plattenkiste/Indigo

Homepage: http://www.muffpotter.net

Tracklist:
1.Young Until I Die

2.Placebo Domingo

3.Das Ernte 23 Dankfest

4.Wir sitzen so vorm Molotow

5.Am 5. Oktober, wie jedes Jahr

6.Vom Streichholz und den Motten

7.Die etwas öde Ballade der Tristessa M.

8.Die Hymne

9.Dieser Saatjohann

10.Bis zum Mond

11.Schwester im Rock

12.Denn du bist es auch

13.Sudholt

14.Elend #16

Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.