MORBID ANGEL: Heretic

MORBID ANGEL: Heretic

Die Herren Azagthoth, Tucker und Sandoval blasen wieder zum Angriff. Klar, das Teil ist für Fans der wichtigsten Death Metal-Band des Universums eh ein Pflichtkauf, und es ist eh klar, dass die Band immer nach MORBID ANGEL klingen wird, selbst wenn sich dieses Album auch wieder krass vom genialen Vorgänger Gateways to Annihilation unterscheidet. Heretic, das für die einschlägigen personellen Veränderungen der letzten Jahre sehr schnell erscheint, ist aber nicht so genial, wie der Vorgänger, nicht so erbarmungslos wie Domination und nicht so ehrfurchtseinflößend wie Blessed are the Sick. Jeder hat seine Faves, bei mir sind es diese drei Alben. Die anderen drei treffen nicht so sehr meinen Geschmack, auch wenn sie sehr gut sind. Und wie eine Mischung aus den schwächeren Alben klingt Heretic.

Heretic, auf das ich hohe Erwartungen gesetzt habe, konnte diese also nicht vollends erfüllen, doch schlecht ist dieses Werk noch lange nicht. Der Herr mit dem sympatischen Quake-Spleen hat sich wieder ins Zeug gelegt und spielt uns beachtlich auf seiner siebensaitigen Höllengitarre vor, wie man die Finger verbiegen kann. Naja, er hat ja Übung vom zocken her. Jedenfalls zieht das Trio aus Tampa, Florida wieder gehörig vom Leder und beeindruckt den Hörer sowohl durch technische Finessen, wie auch mit ungewöhnlichen Breaks, Harmonien, Soli und der, typisch für MORBID ANGEL, meditativen Brutalität. So beginnt das Album sogleich mit dem Paukenschlag Cleansed in Pestilence (Blade of Elohim), das sehr in Richtung Formulas Fatal to the Flesh geht, sowohl vom wuchtigen Anfang her als auch von der Qualität des Materials. Überraschungen bieten das darauffolgende Enshrined by Grace, das noch am ehesten mit der vom Vorgänger vorgegebenen Richtung zu tun hat und auch in der sonstigen Ausrichtung sehr modern wirkt. Beneath the Hollow verblüfft mit seinen dicht arrangierten Gitarrenmelodien im Mittelteil, die einfach nur verblüffen. Stricken Arise und teilweise auch God of Our Own Divinity könnten auf Altars of Madness stehen, allerdings wirken diese erwachsener als auf dem doch sehr ungestümen Debüt.

Ansonsten gibt es noch einige Füller, die ein Album mit hochklassigem Material nicht gebraucht hätte und das dem Album einen, für meinen Geschmack, faden Beigeschmack gibt. Instrumentalstücke wie das abschließende Born Again, das Trey wohl nach ein paar bewusstseinserweiternden Mitteln geschrieben hat, ist nicht der Renner, ebenso wie Memories of the Past. Pete Sandoval trumpft allerdings regelrecht auf, wenn er Victorious March of Rain the Conqueror zelebriert, genau wie bei seinem darauffolgenden Drumsolo mit dem sehr profanen Namen Drum Check, das einfach nur göttlich ist. Mir viel Humor gespickt (Pete, can we go ahead? Play the kick-drum, please.), zeigen sich die Protagonisten auch von einer anderen Seite, als von der, der nachdenklichen Kabbalisten (oder was auch immer das ist). Wären die eigentlich stimmigen Instrumentals nicht in den Rest des Albums gepresst, sondern immer zwischen einzelnen, RICHTIGEN Stücken, so wäre der Eindruck davon ein gänzlich Anderer.

Über die instrumentale Klasse muss man sich allerdings keine Gedanken machen, denn nicht nur Pete Sandoval konnte eine große Steigerung an seinen Kesseln erfahren (was zugegebenermaßen wirklich schwer ist, denn der Mann ist seit Jahren eine absolute Wand) und auch Trey holt jetzt aus seinen Klampfen mehr raus als vorher, wie die Soli in God of Our Own Divinity und Beneath the Hollow beweisen. Doch am meisten hat sich Steve Tucker, gerade in stimmlicher Hinsicht, verbessert, denn seine tiefen Vocals klingen weit mächtiger, zusätzlich kommt er noch viel tiefer runter als Früher, was bedeutet, dass er noch erhabener wirkt. Zusätzlich kreischt er nun auch wie Dave Vincent zu Beginn der Karriere der Band.

Einen dicken Minuspunkt gibt es allerdings für die Produktion, die vielleicht transparent ist, aber wirklich sehr drucklos daherkommt. Insgesamt ist der Sound sehr old-school, was sich meiner Meinung nach mit der technischen Ausrichtung des Materials beißt. Dies zusammen mit den unnützen Zwischenspielen am Ende – ohne die das Album auch nicht viel kürzer wäre – lässt Heretic zwar ein sehr gutes Death Metal-Album werden, das aber wirkt, als wäre es noch nicht so ganz ausgereift. Fans begeistern sich trotzdem für dieses Album, wie auch ich wenn ich die besten Songs darauf höre, doch über eine Tatsache kann es nicht hinwegtäuschen: Man merkt deutlich, das Trey nach dem Abwandern von Eric Rutan ein zweiter Mann fehlt, der ihn kreativ unterstützt, was auch das größte Manko an Formulas Fatal to the Flesh war. Schade – MORBID ANGEL waren schon besser. Und ihr glaubt nicht, wie weh der letzte Satz gerade getan hat.

VÖ: 22. Septemer 2003

Spielzeit: 52:25 Min.

Line-Up:
Trey Azagthoth – All Guitars, Guitar Synths and Synths
Steve Tucker – All Vocals and Bass Guitar
Pete Sandoval – All Drums, Additional Piano and Keyboards

Produziert von Trey Azagthoth
Label: Earache

Homepage: http://www.morbidangel.com

Tracklist:
1. Cleansed in Pestilence (Blade of Elohim)
2. Enshrined by Grace
3. Beneath the Hollow
4. Curse the Flesh
5. Praise the Strength
6. Stricken Arise
7. Place of Many Deaths
8. Abyssous
9. God of Our Own Divinity
10. Within thy Enemy
11. Memories of the Past
12. Victorious March of Rain the Conqueror
13. Drum Check
14. Born Again