LOCKERBIE: Ólgusjór

LOCKERBIE: Ólgusjór

Es sind besondere Menschen, die auf dieser Insel im Nordatlantik leben. Nicht nur, weil die Landschaft in Island den Geist prägt und den Menschen nicht mehr loslässt, sondern weil diese kleine, eingeschworene Gemeinschaft mit so viel mehr Herz, Witz und Leidenschaft punktet, als man denken möchten. Fakten über Island? Jeder zehnte Isländer schreibt im Laufe seines Lebens ein Buch, in Reykjavík regiert ein Bürgermeister von der Satirepartei Besti flokkurinn und im Februar war es dort wärmer als bei uns. Außerdem stinkt es nahe des Sees Mývatn nach Schwefel in unvorstellbarem Maße und das einzige Phallusmuseum der Welt steht im Norden des Landes. Wer denkt, dass es dort menschlich unterkühlt und distanziert zugeht, der täuscht sich. Zu hören gibt es die pure Leidenschaft übrigens auch bei der vierköpfigen Band LOCKERBIE.

Es wäre eine glatte Lüge, hier nicht auf die Ähnlichkeiten zu einer großen isländischen Band zu verweisen. Denn die Musik von SIGUR RÓS haben LOCKERBIE mit der Muttermilch aufgesogen. Jedoch kommen nicht die überaus melancholischen Momente, sondern eher das, was auf den letzten beiden SIGUR RÓS-Alben für eine melancholische, aber leichtfüßige Lebensfreude sorgte, heraus. LOCKERBIE genau darauf zu reduzieren wäre jedoch unfair, da die vier jungen Musiker deutlich songorientierter und mit weniger Schwere an die Arbeit gehen. Und dennoch ist die Basis die gleiche: Alternative Rock und/oder Post Rock mit schwer skandinavischer Prägung trifft auf das Gefühl, dass die Isländer haben müssen, wenn der lange Winter vorbei und der Frühling endlich da ist. Auf LOCKERBIEs Debütalbum Ólgusjór wimmelt es nur so vor wunderschönen Songs, die mal laut und sein können, mal aber auch sehr zurückhaltend sind, sowie von Stücken die lange und episch, aber auch kurz und folkig-prägnant sind, und nicht selten zum Tanz auffordern.

Alles in allem ist Ólgusjór ein Popalbum, eines das man schnell ins Herz schließt, aber das macht gar nichts aus. Mit Laut geht es gleich in die Vollen, mit einer eingespielten Rockband, mit einem Orchester aus Bläsern und Streichern. Das Kunststück: Trotz der oftmals eingesetzten großen Instrumentierung wirken LOCKERBIE niemals überheblich, sie bleiben immer die nette Band von nebenan. Und dabei schütteln sie Hits aus dem Ärmel wie Reyklykt und Í Draumi, die von großem songschreiberischem Talent zeugen. Dazwischen wird es kurz, kompakt, aber nicht minder minder mitreißend, wenn Gengur Í Gard, Kjarr und das schöne Akustikstück Esja ertönen. Ihre Sternstunde erleben LOCKERBIE aber mit dem Titelsong, bei dem deutlich wird, dass auch andere Bands, wie zum Beispiel BEIRUT ihren Einfluss hinterlassen haben. Ólgusjór ist ein wahnsinnig schönes Stück, das sich zu einem ganz großen Song aufbaut. Das treibt den Frühling und ein kleines bisschen Glück in dein Herz.

Ob LOCKERBIE auch ohne die ganzen Streicher und Bläser überzeugen könnten? Ich wage es fast zu bezweifeln. Obwohl die Musik bodenständig ist, ist sie auf eine große Instrumentierung ausgerichtet. Das ist nicht schlimm, zeigt nur, dass LOCKERBIEs Musikverständnis nicht bei der Gitarre aufhört. Spielerisches Potenzial ist gegeben, die Band klingt eingespielt und das in der Musik verwobene Orchester klingt sehr unbeschwert und natürlich. Einzig der Gesang von Þórður Páll Pálsson könnte druckvoller und selbstbewusster sein, dabei ist seine Stimme wirklich schön, er spielt das nur nicht so aus, wie er könnte und müsste. Immerhin, die isländischen Sprache macht durch ihren wunderschönen Klang wieder Boden gut. Auch die Produktion dürfte druckvoller sein, es klingt zwar schön erdig und bodenständig, was auf Ólgusjór zu hören ist, aber es dürfte gerne noch etwas lauter und wilder sein.

Aber wie man es dreht und wendet, LOCKERBIE haben erstens großes Talent, die richtige Einstellung, schöne Songs und gehen zweitens voller Gefühl und Leidenschaft ans Werk. Freunde von SIGUR RÓS, BEIRUT, BON IVER und HER NAME IS CALLA könnten zu Ólgusjór erste Frühlingsgefühle entwickeln, da bin ich mir sicher. Und wenn LOCKERBIE so weiter machen, werden sie mit ihrer positiv gestimmten Attitüde aus dem Windschatten ihrer Helden heraustreten können, und nicht nur für den Captain ein kleines Revival der letztjährigen Island-Hochzeitsreise sorgen, der dann spontan Lust bekommt zu… ja, tatsächlich: zu tanzen.

Veröffentlichungstermin: 9. März 2012

Spielzeit: 39:05 Min.

Line-Up:

Davíð Arnar Sigurðsson – Piano, Organ, Acoustic Guitar, Glockenspiel, Backup Vocals, Xylophone
Guðmundur Hólm – Bass, Backup Vocals
Rúnar Steinn Rúnarsson – Drums And Other Percussions
Þórður Páll Pálsson – Vocals, Guitar, Acoustic Guitar, Organ, Glockenspiel

Label: Kapitän Platte

Homepage: http://www.myspace.com/lockerbiemusic

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/lockerbiemusic

Tracklist:

1. Laut
2. Laut II
3. Reyklykt
4. Í Draumi
5. Gengur Í Gard
6. Kjarr
7. Ólgusjór
8. Esja
9. Snjóljón
10. Sumar

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