INTEGRITY: Howling, For The Nightmare Shall Consume

INTEGRITY: Howling, For The Nightmare Shall Consume

Dwid Hellion ist ein undurchsichtiger Geselle. Musiker verschleißt er gleich reihenweise, rund drei Dutzend waren laut metal-archives.com auf den bisherigen INTEGRITY-Veröffentlichungen (zwölf Alben, inklusiven den aktuellen „Howling, For The Nightmare Shall Consume “ sowie unzähligen Singles und EPs) zu hören, Live- und Sessionmusiker nicht eingerechnet. Die Band hieß mal INTEGRITY 2000, dann wieder INTEGRITY. Hellion hat Verbindungen zur „Process Church of The Final Judgment“, einer dubiosen satanischen Glaubensgruppe, deren Symbolik ziemlich unangenehm an Hakenkreuze erinnert – unter anderem in seinem Webshop zu besichtigen. Und Hellion macht großartige Musik. „Howling, For The Nightmare Shall Consume“ macht da keine Ausnahme – das ist dann aber auch die einzige Konstante bei INTEGRITY.

„Howling, For The Nightmare Shall Consume“ – ist das nun Hardcore, Metal, Punk, Post Metal? Die Frage kann man sich bei jedem INTEGRITY-Album stellen, mit den neuen Songs lehnt sich Mr. Hellion aber ganz weit aus dem Fenster. Schon mit dem grandiosen Debüt „Those Who Fear Tomorrow“ von 1991 machte Hellion einfach was er wollte, scherte sich einen Dreck um Genre-Konventionen und verschreckte Hardcore-Puristen, indem er sich heftig an Metal-Standards vergriff. Das Album ist bis heute ein absolutes Highlight (und übrigens im vergangenen Jahr als Re-Release via Relapse Records erschienen.) 2001 bediente sich Hellion in der Kiste mit den Dark Wave-Standards und haute einen Hit wie „Mine“ raus, eine fiese Mischung aus TYPE O NEGATIVE in ihrer Gothic-Phase, den MISFITS und lärmigem Post Punk.

Und auch für „Howling, For The Nightmare Shall Consume“ hat sich Hellion wieder etwas einfach zu Eigen gemacht – die Platte ist zwar nach einigen Experimenten in der Diskografie wieder dicht dran am Debütalbum. Doch zur bewährten Mixtur aus Hardcore, Punk und Metal packt er diesmal auch noch ein bisschen Post-Metal und Drone, ein paar Hardrock-Riffs und Gitarrenspielereien wie aus dem Lehrbuch für Posermetal-Gitarristen. Zusammengehalten von seiner heisergebrüllten Stimme, mit der er einmal mehr die Apokalypse beschreit, beschwört und beklagt. All das macht „Howling, For The Nightmare Shall Consume“ zu einem großartigen und forderndem Album. Voll-auf-die Fresse-Hardcore gibt’s woanders, bei INTEGRITY darf man auch mal mitdenken und sich überraschen lassen von überraschenden Wendungen und enorm vielseitigen und vielschichten Songs.

Der Track „Die With Your Boots On“ schafft gar das Unmögliche: Ein beschwingtes Hardrock-Riff, eines dieser Poser-Gitarrensolos – vom Gerüst her ist das eine tierisch eingängige Nummer. Doch sie wird kaputtgeschrien von Hellion und gegen Ende wird mit der Dauerwiederholung der Titelzeile ein hypnotischer, düsterer Song daraus. „Unholy Salvation of Sabbatai Zevi“ ist ein schleppender Track, an dessen Intensität sich die vielen Doom/Drone/Post Black Metal-Noiser ein Beispiel nehmen können – das ist nicht nur dröhnender Lärm mit zähen Gitarrenriffs und quälend langsamen Drumming, das ist die Vertonung eines ziemlich fiesen Rituals, dessen grausame Einzelheiten man besser nicht kennt.

„Serpents Of The Crossroads“ hat wieder genügend dieser klassischen Metal-Gitarren, die bei anderen Bands mit ihrer endlosen Soliererei einfach nur nerven. Bei INTEGRITY ist’s wunderbar, weil drumrum so unfassbar viel passiert und die Gitarren nur eine Schicht dieser komplexen Songstrukturen ausmachen.

Und was ist das bei „String Up My Teeth“? Der Song beginnt tatsächlich mit einem Tamburin – wer sich auf das Album einlässt, hört aber eher in Ketten geschmiedete Gefangene durch einen Kerker schlurfen. Es kommt noch besser: Mit Monique Harcum hat Hellion eine Gospel-Sängerin ins Studio gelockt, die dem Song einen vollkommen unerwarteten Dreh gibt. Auf die Idee muss man erstmal kommen – und dann noch die Eier haben, es tatsächlich umzusetzen. Langsam schleicht sie sich im Song in den Vordergrund, bis sie in den letzten Minuten gegen Hellion ansingt – dass sie kein zartes Elfchen sein kann, liegt auf der Hand.

Man könnte noch zig andere Beispiele anführen, warum dieses Album so gut ist. Du kannst es dir aber einfach auch mal anhören, es lohnt sich.

Besetzung:
DWID HELLION (howling/sermons/nightmares)
DOMENIC ROMEO (lead and rhythm guitars, bass, lap steel, sitar, organ, noise and OCD)
JOSHY BRETELL (percussion)

VÖ-Termin: 14.07.2017

INTEGRITY „Howling, For The Nightmare Shall Consume“ Tracklist

1. Fallen To Destroy
2. Blood Sermon
3. Hymn For The Children of the Black Flame
4. „I Am The Spell“ Video bei YouTube.
5. Die With Your Boots On
6. Serpent of the Crossroads
7. Unholy Salvation of Sabbatai Zevi
8. „7 Reece Mews“ Video bei YouTube.
9. „Burning Beneath the Devils Cross“ Video bei YouTube
10. String Up My Teeth
11. Howling, For The Nightmare Shall Consume
12. Viselle De Drac (Digital / Deluxe Vinyl Bonus Track)
13. Entartete Kunst (Digital / Deluxe Vinyl Bonus Track)
14. Deathly Fighter (Digital / Deluxe Vinyl Bonus Track)
15. The Perfect Silence (Digital Bonus Track)

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andrea

Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin…