IHSAHN: Àmr

IHSAHN: Àmr

Dass es gerade mal zwei Jahre nach „Arktis” bereits wieder ein neues IHSAHN-Album gibt, ist beinahe beängstigend angesichts der Qualität und der dunklen Dichte von „Àmr“. Druckvoll produziert wütet „Àmr“ 56 Minuten lang, eine Achterbahn aus Innovation, Dunkelheit und Melancholie, die IHSAHN mit seinen magischen sieben Saiten in Schacht hält.

Musikalisch schöpft IHSAHN aus den Vollen. „Àmr“ hat insgesamt eine sehr elektronische Seele und bisweilen beschleicht einen das Gefühl, dass IHSAHN eine dunkle Vereinigung aus „Stranger Things“-Titeltrack, DEPECHE MODE– und OPETH-Elementen anstrebt. Gleichzeitig erschafft er wunderbar filligrane Songs wie „Sàmr“, dessen Gitarrenleads so wunderschön sind, dass man sich den Tränen der Rührung nicht entziehen kann. Doch IHSAHN kann auch seine harte Seite perfekt zur Geltung bringen – „One Less Enemy“ besticht mit schwarzmetallischerem Anstrich und die Atmosphäre erinnert gar etwas an ARCTURUS.

Schwarze Sehnsucht trifft auf „Àmr“ auf metallene Moderne

Gleichzeitig bleibt Professor IHSAHN sich selber treu. Man mag von Einflüssen sprechen, doch gleichzeitig erscheint es unmöglich, diese Art von progressiven Klängen, denen es nie an Leidenschaft oder Emotionen fehlt, zu reproduzieren. Auf exotische Instrumente – wie auf früheren IHSAHN-Alben das Saxofon – verzichtet der begabte Norweger auf „Àmr“, dafür lässt er oft dynamisch-groovende Elektronica-Elemente sprechen und sich mit seinen Gitarrenleads in verschlungenen Disharmonien paaren. Neben den genannten Songs empfehlen sich das eindringliche „When You Are Lost And I Belong“ und das hypnotisch-unheimliche „Marble Soul“ als Anspieltipps, wenngleich es bei „Àmr“ eigentlich keine Anspieltipps gibt, weil alle regulären Songs der Platte überzeugen.

Grosses Aber – der Bonustrack „Alone“

Der einzige Track, der auf „Àmr“ indes verwirrt, ist der Bonustrack „Alone“, der auf dem gleichnahmigen Gedicht von Edgar Allan Poe basiert. Dieses beginnt mit den folgenden Zeilen:

From childhood`s hour I have not been
As others were—I have not seen
As others saw—I could not bring
My passions from a common spring—
From the same source I have not taken
My sorrow—I could not awaken
My heart to joy at the same tone—
And all I lov`d—I lov`d alone—

Da das Gedicht derart an die Singularität des Ichs appeliert, erscheint es geradezu ironisch, dass ausgerechnet zwei andere norwegische „Avantgarde“ – Bands sich schon weitaus früher dieses Stoffes angenommen haben. 1997 wurde es von ARCTURUS („La Masquerade Infernale“), wenig später etwas sanfter von GREEN CARNATION. Es stellen sich folgende Fragen: Warum lesen drei norwegische Avantgarde (Black) Metal-Bands nur immer dieses eine Gedicht von Edgar Allan Poe? Ist es eine herausgerissene Seite, die immer wieder aufs Neue im Studio versteckt und als „geheimes“ Dokument gefunden wird? Wird es durch die dreifache Bearbeitung nicht zu einer Trilogie? Ist es ein versteckter Insider-Ironie-Witz, für welchen IHSAHN jetzt einfach die Filmmusik-affinste Interpretation liefert? Die Umsetzung an sich ist natürlich nicht schlecht, aber die Häufung der musikalischen „Alone“-Interpretationen ist leicht bizarr.

Fazit

IHSAHN zeigt auf „Àmr“ erneut, wie innovative, progressive Musik weiterhin voranschreiten kann, ohne zu verkopft und steril zu werden. Ein starkes, abwechslungsreiches Album mit hohem Suchtfaktor – unbedingte Kaufempfehlung!

 

Veröffentlichungstermin: 04.05.2018

Spielzeit: 56:00

Label: Candlelight Records

Website: http://www.ihsahn.com/

Facebook: https://www.facebook.com/ihsahnmusic

 

Line Up

Ihsahn – Vocals, Gitarren, Keyboards, Bass

Gastmusiker

Tobias Ørnes Andersen – Drums

Fredrik Åkesson – Gitarren (Track 2)

IHSAHN „Ámr“ Tracklist

01. Lend Me The Eyes Of The Millenia
02. Arcana Imperii
03. Sámr
04. One Less Enemy
05. Where You Are Lost And I Belong
06. In Rites Of Passage
07. Marble Soul
08. Twin Black Angels
09. Wake (Audio bei YouTube)

Alone (Bonustrack, basierend auf dem gleichnamigen Gedicht von Edgar Allan Poe)

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