THURSDAY: War All The Time

THURSDAY: War All The Time

Was musste sich der Emo nicht schon alles anhören? Von pathetischem Gejammer bis Heulsusen-Metal blieb keine Schmähung ungehört. Es brauchte erst eine Band wie THURSDAY, um dem Genre auch auf Kritikerseite breitere Akzeptanz zu verschaffen. Und um zu zeigen, dass die spezielle Variation des Post Hardcores neben der emotionalen auch eine düstere, erwachsene Seite haben kann. War All The Time zeigte uns im Jahr 2003 diese Vision nach dem prägenden Zweitwerk Full Collapse erstmals in eindrucksvoll konzipiertem Rahmen: Weil THURSDAY ihr Vorhaben akribisch und unbeugsam verfolgen, gehen die Kompositionen nicht selten tief unter die Haut. Vor dem Hintergrund zwischenmenschlicher Beziehungen sowie alltäglicher gesellschaftlicher Herausforderungen begleitet THURSDAY eine Ernsthaftigkeit, deren Schatten sich über die elf Songs legt. So befasst sich etwa die Single Signals Over The Air mit der sexuellen Revolution, die im Titeltrack ebenfalls am Rande mitschwingt, während der Opener For The Workforce, Drowning den reißenden Sog der Arbeitswelt thematisiert.

Der eben genannte Einstieg beginnt konsequenterweise mit massiven Gitarrenwänden, schnürt uns den Hals zu, so dass der energetische Gesang von Fronter Geoff Rickly wie der letzte Strohhalm scheint, nach dem wir greifen. Diesem kraftvollen Auftakt ist es zu verdanken, dass uns THURSDAY gleich mit dem Rücken zur Wand haben, bevor das zunächst ruhige Between Rupture And Rapture nach dem ersten Refrain in eine unruhige Hektik verfällt.

Dass War All The Time eine erwachsene Reife entwickelt, ist folglich auf dieses selbstbewusste Auftreten zurückzuführen, hervorgehoben durch die kantige wie trockene Produktion. Darauf bauen die Amerikaner auf: Auch die eingängigen Nummern wie Signals Over The Air sind in einer Weise arrangiert, die Überzeugung und Entschlossenheit suggerieren. Die titelgebende Ballade ist ein fantastischer Beweis, wie ein fragiler Aufbau durch Zielstrebigkeit in der Umsetzung gestützt werden kann. Als Kollektiv zeigen THURSDAY viel Rückgrat und doch finden sich an allen Ecken und Enden feine Details und kreative Wendungen. Division St. ist ein formidables Beispiel hierfür, doch auch Asleep In The Chapel besticht durch seine unverzerrten Gitarren, während Steps Ascending originelle Gesangsarrangements draufpackt. Sicherlich kann Sänger Geoff Rickly an dieser Stelle vorgeworfen werden, dass seine Stimme die meiste Zeit recht dünn erklingt. Fehlendes Volumen glich aber schon damals die leidenschaftliche Performance aus – wenn man ihm so zuhört, fürchtet man manchmal gar, der arme Kerl zerriss sich im Studio selbst.

Und genau hier liegt das Geheimnis von THURSDAY im Allgemeinen und War All The Time im Speziellen. Die Musik des Quintetts – Keyboarder Andrew Everding ist auf dem Album zwar zu hören, stieß jedoch erst etwas später als festes Mitglied zur Band – geht in einem Moment unter die Haut und schneidet sich im Nächsten mit der Rasierklinge wieder frei. Auch wenn bereits der Vorgänger Full Collapse für das Genre wegweisend war und in der Szene entsprechende Wertschätzung genießt, war es das Drittwerk, das dieses Konzept perfektionierte. Originalität sowie Kreativität resultierten in einer Vielschichtigkeit und Tiefe, die in der Sparte bis heute unerreicht ist und die ihren Preis verlangte: 2004 legten die Musiker das Projekt das erste Mal für unbestimmte Zeit auf Eis. Der zweite Winterschlaf hält bereits seit Ende 2011 an. Sollten THURSDAY tatsächlich nicht mehr daraus erwachen, so hinterlassen sie uns zumindest ein bedeutendes Vermächtnis: Mit War All The Time führten sie den Emo(core) in die Volljährigkeit.

Veröffentlichungstermin: 16.09.2003

Spielzeit: 41:54 Min.

Line-Up:
Geoff Rickly – Vocals
Tom Keeley – Guitars, Backing Vocals
Steve Pedulla – Guitars, Backing Vocals
Tim Payne – Bass, Backing Vocals
Tucker Rule – Drums, Backing Vocals

Produziert von Sal Villanueva und Rumblefish (Mix)
Label: Island Records / Victory Records

Homepage: http://thursday.net/
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/thursday

Tracklist:
01. For the Workforce, Drowning
02. Between Rupture And Rapture
03. Division St.
04. Signals Over The Air
05. Marches And Maneuvers
06. Asleep In The Chapel
07. This Song Brought To You By A Falling Bomb
08. Steps Ascending
09. War All The Time
10. M. Shepard
11. Tomorrow I´ll Be You

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