IN EXTREMO: Weckt die Toten!

IN EXTREMO: Weckt die Toten!

Nummer-eins-Alben, Goldauszeichnungen, regelmäßige Fernsehauftritte und gern gesehener Headliner auf verschiedensten Metalfestivals – vor anderthalb Dekaden hätten IN EXTREMO jeden ob einer solch größenwahnsinnigen Prognose belächelt und den verwirrten Kauz aus Mitleid auf ein Bier eingeladen. Und doch wurde im Jahr 1998 ganz offensichtlich der Grundstein für diese Erfolge gelegt. Zugestanden, die hier gemeinte Verschmelzung von mittelalterlicher Marktmusik und klassischer Rockbesetzung erprobten IN EXTREMO schon in Proberaumqualität mit zwei Songs auf der Goldenen, dem 1997er CD-Debüt. Erst im darauffolgenden Jahr aber zogen die Spielleute ihr Konzept in aller Konsequenz durch.

Das Resultat Weckt die Toten! gilt heute als wegweisender Grundstein für das komplette Genre, obwohl es handwerklich und produktionstechnisch alles andere als frei von Schwächen ist. Dass die komplette CD innerhalb von zwölf Tagen gehetzt eingespielt wurde – IN EXTREMO waren in besagtem Jahr nicht nur regelmäßig auf Märkten unterwegs, sondern veröffentlichten in diesen zwölf Monaten mit Hameln und Die Verrückten sind in der Stadt gleich zwei Marktmusikscheiben -, ist dagegen sogar als Stärke zu werten. Weckt die Toten! besticht mit demselben rauen Charme und der gleichen rotzigen bis kantigen Attitüde, die das Septett jüngst wiederentdeckt zu haben scheint.

Verglichen mit dem heutigen Stand des Mittelalter-Rock erscheint Weckt die Toten! im Extremfall spartanisch bis primitiv. Die ersten Schritte sind auch in musikalischem Neuland die schwersten, zumal sich die Szene samt ihrer Beteiligten seitdem massiv entwickelt hat. Seine Magie zieht das Rockdebüt wie erwähnt aus der fast schon punkigen Straßenattitüde und der Unbedarftheit, mit der traditionelles Liedgut durch den Fleischwolf gedreht wird. Schwächen im Songwriting kaschiert die Kraft, mit der musiziert wird. Und arg simple Strukturen und Riffs, wie es sie in Hiemali Tempore auf die Ohren gibt, werden mit breiter Brust und einer dreisten Direktheit vorgetragen. Durch die Hinzunahme der engagierten Sackpfeifenfraktion entwickelten IN EXTREMO folglich eine Reihe von Klassikern: Spätestens seit Weckt die Toten! gehören Walther von der Vogelweides Palästinalied sowie das altbretonische Ai Vis Lo Lop zum unverwüstlichen Genrekanon. Villeman Og Magnhild intonieren die Sieben hier noch leicht holprig, über die Jahre mauserte sich der Track aber als fester Setbestandteil zum vielleicht besten Live-Song IN EXTREMOs.

Überhaupt ist es interessant zu sehen, wie viel der späten IN EXTREMO bereits im ersten ausgiebigen Mittelalter-Rock-Experiment steckt: Rotes Haar begründete schon 1998 das Faible der Gruppe für den französischen Vulgärdichter Francois Villon, dessen Texte ständige Begleiter werden sollten. Dazu gesellt sich der mehrsprachige Gesang Michael Rheins, dessen Gassenschnauze so ruppig wie unverkennbar durchs alte Europa pflügt: Zur Muttersprache kommen ferner Texte in Latein, altnorwegisch oder mittelhochdeutsch. Charakter hat Weckt die Toten! unterm Strich so viel, dass es die vorhandenen Schwächen leicht überspielen kann. Das Songwriting ist nämlich sehr simpel und spartanisch, mit Finesse hat die Verrockung mittelalterlichen Liedguts noch nicht viel zu tun. Wenn das Tempo nachlässt, ist das am deutlichsten zu spüren: Vor vollen Schüsseln oder Maria Virgin sind vergleichsweise repetitiv, während die Knackigkeit auf der Strecke bleibt. Und das akustische Two Søstra zum Schluss ist nichts anderes als ein Griff in den Donnerbalken. Dessen Odor setzte sich zudem an der notdürftigen Produktion fest, dessen rudimentäres Korsett die unterschiedlichen Instrumente noch nicht zu der Einheit verschmelzen lässt, die wir heute beim Namen IN EXTREMO gewohnt sind.

Und dennoch: Weckt die Toten! kam zu einer Zeit, in der diese Mixtur für die breite Masse etwas gänzlich Unbekanntes war. IN EXTREMO wurden mit diesem Werk zum wichtigsten Impulsgeber des Mittelalter-Rock – einem Genre, das seit einigen Jahren in einer kreativen Krise steckt. Dass die Begründer des kommerziellen Erfolgs dieser Sparte selbst mit den beiden Alben Sängerkrieg und Sterneneisen einen Weg zurück zur straßentauglichen Konzeption fanden, ist ein Beleg für die Bedeutung von Weckt die Toten!. Nur einer wohlgemerkt, denn darüber hinaus erzählen Nummer-eins-Alben, Goldauszeichnungen und tobende Konzerthallen die Erfolgsgeschichte in der Gegenwart weiter – und zumindest live ist Weckt die Toten! nach wie vor ein Teil davon.

Veröffentlichungstermin: 01.05.1998

Spielzeit: 45:33 Min.

Line-Up:
Das letzte Einhorn – Gesang, Cyster
Thomas der Münzer – Gitarre
Dr. Pymonte – Dudelsack, Schalmey
Flex der Biegsame – Dudelsack, Schalmey
Yellow Pfeiffer – Dudelsack, Schalmey
Die Lutter – Bass
Morgenstern – Schlagzeug

Produziert von Ekkehard Strauhs und vtrax
Label: Vielklang

Homepage: http://www.inextremo.de
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/officialinextremo

Tracklist:
01. Ai Vis Lo Lop
02. Stella Splendens
03. Hiemali Tempore
04. Rotes Haar
05. Villeman Og Magnhild
06. Como Poden
07. Palästinalied
08. Vor vollen Schüsseln
09. Maria Virgin (Quem A Omagen Da Virgin)
10. Totus Floreo
11. Der Galgen
12. Two Søstra

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