GORGUTS: Obscura

GORGUTS: Obscura

Ich werde nie mein erstes Aufeinandertreffen mit Obscura vergessen. In der chaotischen WG eines Freundes saßen wir herum und meine Kinnlade knallte nach unten. Und gleichzeitig erinnere ich mich, dass es mir so vorkam, als würde das Album schon zehn Minuten dauern, doch erst anderthalb Minuten waren verstrichen. Die Fülle an Ideen in diesem Auftakt war schier unerträglich. Zur damaligen Zeit kannte ich bereits From Wisdom To Hate, aber erst durch Obscura verliebte ich mich in GORGUTS, eine intellektuelle, bedingungslose, innige Liebe auf einer von der Welt gelösten Ebene. Und das obschon diese Liebe hauptsächlich der Sternstunde von GORGUTS gilt, nämlich Obscura. Es ist ähnlich wie bei CYNIC und ihrem Wunderwerk Focus, auch wenn das Endergebnis völlig anders klingen mag: GORGUTS sind völlig losgelöst von allen Klischees der Death-Metal-Szene und schaffen es, unter der ganzen Dissonanz und unter der rhythmischen Akrobatik eine tiefe Ruhe auszustrahlen, einen Frieden, wie er nur durch tiefe und lange Meditation entstehen kann.

Obscura wäre ohne den Niedergang des Death Metals Mitte der Neunziger garantiert anders geworden. Nach The Erosion Of Sanity wurden GORGUTS von ROADRUNNER gedroppt, zwei Mitglieder verließen die Band, Schlagzeuger Patrick Robert und der mittlerweile verstorbene Gitarrist Steeve Hurdle waren neben Bassist Steve Cloutier die Besetzung, mit der Luc Lemay seine Vision schließlich formen konnte. Überhaupt war diese Besetzung vermutlich Gold wert, denn Lemay selbst tritt bei einigen Songs nicht einmal als Komponist auf: Bassist Cloutier und Gitarrist Hurdle waren essentiell für die Qualität des Albums. Und hörbar verging nicht nur eine Menge Zeit, bis Obscura reif war, GORGUTS gaben sich unter Garantie auch dem Marihuana-Konsum hin, nicht umsonst wird im Booklet für Legalisierung geworben. Wie sonst auch könnte Dissonanz mit solch einer innigen Liebe zur Schönheit erklärt werden und wie könnten auch sonst diese rhythmischen Spasmen zu einem harmonischen Fluss werden?

GORGUTS erschaffen zwölf Stücke, die alle miteinander verwoben sind und wie eine Variation voneinander klingen. Aus diesem kompakten Rahmen entfaltet sich ein schier endloses musikalisches Universum. Wo das Titelstück, The Carnal State, Subtle Body und Faceless Ones chaotisch und wild wirken, gibt es mit Earthly Love, Nostalgia, Clouded, Raptorous Grief, Illuminatus und dem abschließenden Instrumentalstück Sweet Silence Momente purer Poesie, deren Schönheit erst in mühevoller, ausdauernder und harter Arbeit erkundet und gefunden werden muss. Wider Erwarten sind es die dissonanten Riffs, die das Eintauchen in die Welt von Obscura ermöglichen, denn an ihnen kann man sich orientieren: Die Umgebung, also der schnarrende Bass, das komplexe, teils sehr frei gespielte, oft beherzt blastende Schlagzeug und das hysterische Geschrei, kann dadurch langsam genauer wahr genommen werden. So dauert es und dauert es und dauert es, bis dieses Mammutwerk verinnerlicht werden kann, ein Prozess, der sich bei mir auch nach über zehn Jahren noch hinzieht.

Ziemlich genau 15 Jahre ist es nun her, dass Obscura das Licht der Welt erblickte. Während es in den ersten Jahren sträflich unterbewertet wurde, kam es schließlich doch zu spätem Ruhm und inspirierte eine neue Generation von technisch geprägten Death-Metal-Bands, die mehr Wert auf Niveau und Gefühl legen als auf Gore und Technik, die eher als Lärm wahr genommen wird. GORGUTS zogen die feine, aber deutliche Linie, die den Death Metal von der Oberflächlichkeit trennt, in der sich immer noch das Groß des Genres tümmelt. Der Asket auf dem Cover verdeutlicht es, statt Mord und Totschlag werden Selbstfindung, Frieden und Ruhe angestrebt, und Obscura trägt dazu bei, das zu finden. Es strahlt trotz des oberflächlichen Lärms, der schier irrwitzigen Technik und der nicht zu vernachlässigenden Härte all dies aus.

Hier gilt mehr als bei allen anderen Alben, die ich bisher gehört habe, das Credo des konzentrierten Zuhörens. Und wer es schafft, sich eine Stunde lang in der surrealen Welt von Obscura zu verlieren, der will und wird es immer wieder tun. Wir erleben hier pure Magie, bislang unerreicht und voll mit sprachlos machenden Wundern. Und wer sich nun fragt, was der Autor zu sich genommen hat, um solche Zeilen zu einem Death-Metal-Album zu schreiben, der versteht nicht, dass es auch in diesem Genre eine spirituelle Ebene gibt, die nur gefunden werden muss. Und genau diese haben GORGUTS gefunden und, als wäre es das Leichteste auf der Welt, zur Perfektion gebracht.

Veröffentlichungstermin: 23. Juni 1998

Spielzeit: 60:56 Min.

Line-Up:
Luc Lemay – Guitar, Vocals
Steeve Hurdle – Guitar, Vocals
Steve Cloutier – Bass
Patrick Robert – Drums

Produziert von Pierre Rémillard und GORGUTS
Label: Olympic Recordings

Homepage: http://www.gorguts.com/
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/GorgutsOfficial

Tracklist:
1. Obscura
2. Earthly Love
3. The Carnal State
4. Nostalgia
5. The Art Of Sombre Ecstasy
6. Clouded
7. Subtle Body
8. Raptorous Grief
9. La Vie Est Prélude
10. Illuminatus
11. Faceless Ones
12. Sweet Silence

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