CONVERGE: Jane Doe

CONVERGE: Jane Doe

Happy Birthday, meine ewige und einzige Konkubine. Jane Doe, die Mrs. Unbekannt wird heute zehn Jahre alt, seit immerhin neun Jahren treibt sie ihr Unwesen in meinem Heim, in meinem Herz, in meinem Hirn. CONVERGE legten mit ihrem vierten Album einen qualitativen Quantensprung hin, der all das, was zuvor nur angedeutet war, auf das passende Level hob und nicht nur gelungene Ansätze präsentierte. Natürlich, es ist vermessen bei einem Album wie Petitioning The Empty Sky mit Songs wie The Saddest Day nur von guten Ansätzen zu sprechen, aber Jane Doe und sein brachiales, manisches, scherzhaftes Material bläst alles andere weg. Beginnend mit dem Doppel Concubine und Fault & Fracture zeigen CONVERGE, dass sie im Stande sind, das Chaos salonfähig zu machen. Punkige Riffs, die nicht selten am Noise Rock kratzen verbinden sich mit irrem Drumming und hysterischem Geschrei, so dass eine schier unhörbare Mixtur entsteht, die gleichermaßen schmerzt und befreit.

Das ist alles andere als leicht zu hören, aber immer wieder schalten CONVERGE einen Ganz zurück und bringen mit Hell To Pay und Heaven In Her Arms kleine Verschnaufpausen. Dann wird es leise, hintergründig, bleibt aber ebenso bitter und schmerzlich. Jane Doe ist ein Album, das von seinen Extremen lebt, das in jeder Hinsicht extrem ist, vor allem aber durch die Gefühle, die hier ausgeschrieen und heraus gepresst wird. Sänger Jacob Bannon verarbeitet eine gescheiterte Beziehung in den Texten, Gitarrist Kurt Ballou lässt sich weniger von klassischen Hardcore-Bands als von THE JESUS LIZARD und FUGAZI beeinflussen. Und daraus erschafft die Band das einflussreichste Hardcore-Album des letzten Jahrzehnts. Die Songs Homewrecker, Phoenix In Flight und Thaw sind in ihrer Intensität unerreicht, das Blut kocht in den Musikern, die allesamt – auch der zweite Gitarrist Aaron Dalbec, Bassist Nate Newton und vor allem Schlagzeuger Aaron Dalbec – einen grandiosen Job abliefern: Hier wird auf hohem Niveau gespielt, dennoch ist man nah am Punk und Hardcore, alles ist voller Leben, voller Spontaneität und Authenzität.

Entdeckt habe ich Jane Doe mehr oder weniger durch Zufall. CONVERGE und AGORAPHOBIC NOSEBLEED waren auf The Poacher Diaries Splitpartner, und als CONVERGE auf Tour kamen, spielten sie ein Gratiskonzert in München. Statt des erwarteten Grindcore-Sturms gab es eine manische Hardcore-Show, die für Neueinsteiger die Hölle war, dennoch nahm ich Jane Doe mit nach Hause. Dadurch wurde auch mein Verständnis für Hardcore umgekrempelt. Es wurde mir bewusst, welche Kreativität und Individualität in dem schon damals von Konformität gezeichnetem Genre Hardcore möglich war. Statt immer tougher, böser und unzerbrechlicher zu werden, zeigten sich CONVERGE bewusst von einer anderen Seite, hier geht es menschlich und ehrlich zu, eine gehörige Portion Pathos hin oder her.

Den Abschluss des Albums bietet der unerreichte, unglaubliche Titelsong, der mit über zwölf Minuten Länge ein echtes Epos im modernen Hardcore, das sich unendlich tief ins Herz des Hörers gräbt und dieses zu sprengen droht. Mit wundervollen Gitarrenläufen, massiven Riffs, schmerzlichem Gesang und impulsiven Drumming wird dieser monströse Song zum besten, was das Genre zu bieten hat, und noch mehr, es wird eine ganze folgende Generation von Bands formen. Jane Doe auf dem Artwork wird zu einem Erkennungsbild von ähnlich gepolten Musikhörern auf der ganzen Welt werden und die Haut von hunderten von Leuten zieren, die sich ihr Portrait stechen lassen werden. Und CONVERGE und ihre Attitüde werden sich in die Herzen von Tausenden Leuten spielen, die keiner Szene angehören wollen. Nicht zuletzt durch das wunderbare Artwork und der rauen und ehrlichen Produktion von Kurt Ballou selbst, ist dies das beste Hardcore-Album, das jemals zu hören war. Das sehe nicht nur ich so, und deshalb feiern wir heute mit CONVERGE ihren, trotz teils starker folgender Alben, unerreichten Geniestreich. Wo auch immer du bist, wer auch immer du sein magst, liebe Jane Doe, du bist unsterblich geworden.

Veröffentlichungstermin: 4. September 2001

Spielzeit: 45:16 Min.

Line-Up:
Jacob Bannon – Vocals, Lyrics, Artwork
Kurt Ballou – Guitars, Vocals, Theremin
Aaron Dalbec – Guitars
Nate Newton – Bass, Vocals, Theremin
Ben Koller – Drums

Produziert von Kurt Ballou

Label: Equal Vision Records

Homepage: http://www.convergecult.com

Mehr im Netz: http://www.myspace.com/converge

Tracklist:
1. Concubine
2. Fault & Fracture
3. Distance And Meaning
4. Hell To Pay
5. Homewrecker
6. The Broken Vow
7. Bitter And Then Some
8. Heaven In Her Arms
9. Phoenix In Flight
10. Phoenix In Flames
11. Thaw
12. Jane Doe

 

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