EDGE OF SANITY: Crimson II

EDGE OF SANITY: Crimson II

Was soll man davon halten? Da wird Bandkopf Dan Swanö nach dem Infernal-Album von Black Mark quasi aus der Band geworfen, das Nachfolgealbum mit neuem Sänger floppt, und nun hat sich der Multiinstrumentalist dazu überreden lassen, nochmal ein Album unter dem Namen EDGE OF SANITY zu veröffentlichen. Solange dabei aber ein so starkes Produkt bei herumkommt wie in diesem Fall, ist dieser fragwürdige Hintergrund der Entstehung dieses Werkes schnuppe.

Crimson II ist – der Titel verrät es bereits – die Fortsetzung des 1996 erschienenen Ein-Track-Albums Crimson, bei dem EDGE OF SANITY ein abwechslungsreiches aber in sich geschlossenes Gemisch aus allen nur erdenklichen Einflüssen des Herrn Swanö – von Progressive Rock, über Gothic und Death Metal bis hin zu Grindcore – kreierten und das zudem mit einer interessanten Fantasy-Story aufwarten konnte.

Im Gegensatz zum ersten Teil ist die Fortsetzung in neun Abschnitte unterteilt, welche sich allerdings über insgesamt 44 Tracks erstrecken. Zu einzelnen Parts zu zappen, ist also nicht ganz einfach und macht auch im Grunde keinen Sinn, da Crimson II eigentlich ebenfalls ein einzelner Song ist, die Übergänge zwischen den Teilen sind sehr fließend gestaltet. Es ist schon beeindruckend, wenn man liest, dass Swanö sämtliche Instrumente selbst eingespielt hat, abgesehen von einigen Gitarrensoli, für die es ihm gelungen ist, solch illustre Herrschaften wie Simon Johansson (MEMORY GARDEN) und Mike Wead (MERCYFUL FATE, MEMENTO MORI) ins Studio zu locken. Und diese Gastspiele machen auch einen ganz besonderen Reiz von Crimson II aus, denn der Stil eines Mike Wead ist einfach unverkennlich, und so fühlt man sich ab und an, wenn Wead alle Register seines Könnens zieht, unweigerlich an alte MEMENTO MORI-Zeiten erinnert.

Crimson II ist ein Album, mit dem man sich sehr lange beschäftigen kann und auch muss, denn es gibt viel zu entdecken. Da wären die Lyrics, verfasst von Clive Nolan (ARENA), die im Vergleich zu Crimson ungleich poetischer sind. Dabei knüpft das Textkonzept nahtlos an den ersten Teil an, sprich das Kind erwacht aus seinem Schlaf und sorgt erneut für Unheil. Es ist also auf alle Fälle von Vorteil, den ersten Teil zu kennen, um alle Feinheiten der Story nachvollziehen zu können.

Ebenso knüpft Crimson II musikalisch an seinen Vorgänger an, dies jedoch nicht durch plumpes Kopieren, sondern durch geschickt eingeflochtene, aber teils ziemlich versteckte Zitate. Um diese und all die anderen zahlreichen zu entdeckenden Details wahrzunehmen, bedarf es schon der intensiven Beschäftigung mit diesem Album, am besten mit einem Kopfhörer bewaffnet.

Crimson II stellt aber auch eine deutliche Weiterentwicklung dar. Das Werk ist insgesamt deutlich keyboardlastiger, wodurch eine majestätische Atmosphäre entsteht, die dem ersten Teil so nicht zu eigen war. Ansonsten sind von den Keyboards verstärkt typische Progressive Rock-Riffs zu vernehmen, wie überhaupt das progressive Element in der Musik von EDGE OF SANITY hier eine Aufwertung erfahren hat, wohingegen Gothic-Elemente, wie sie auf Crimson noch auszumachen waren, in den Hintergrund getreten sind. So ist Crimson II eine äußerst abwechlsungsreiche, aber sehr homogene Mixtur aus rasend schnellem, melodischem Death Metal, Midtempo-Parts mit mal extrem eingängigen Melodien, mal progressivem, komplexem Riffing sowie ruhigen Parts, bei denen Swanös emotionaler klarer Gesang über atmosphärische cleane Gitarren oder Pianoklänge zu begeistern weiß. Das Ganze klingt dabei noch stimmiger als bei Crimson, da es Swanö über die gesamte Spielzeit gelingt, niemals den roten Faden zu verlieren, wie es anderen Musikern bei so einem Mammutwerk vermutlich schnell passieren würde. Es gibt eine Reihe von Riffs, Melodien oder auch Textpassagen, die immer wieder auftauchen, so dass das Werk niemals zerstückelt oder zerfahren, sondern wie aus einem Guss wirkt.

In all den Jahren waren EDGE OF SANITY nie besser als jetzt. Schade also, dass Crimson II das letzte Werk unter diesem Banner sein soll, aber ein Grund mehr, sich dieses Album zu kaufen, bei dem einfach alles stimmt. Das schöne Cover-Artwork von Kristian Wahlin weckt Erinnerungen an die guten Zeiten des schwedischen Death Metals Anfang bis Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die Produktion ist weniger höhenlastig als noch bei Crimson und musikalisch wird astreiner, anspruchsvoller Progressive Death Metal geboten. Mit diesem Album als Abschluss ihrer Karriere werden EDGE OF SANITY auf jeden Fall in sehr guter Erinnerung bleiben.

VÖ: 22.09.2003

Spielzeit: 43:00 Min.

Line-Up:
Dan Swanö – Rhythm and lead guitars, bass, drums, keyboards, growling and clean vocals

Special guests:

Roger Johansson – Lead growling vocals

Jonas Granvik – Backing growling vocals

Mike Wead – Lead guitar

Simon Johansson – Lead guitar

Produziert von Dan Swanö
Label: Black Mark

Homepage: http://www.metalprovider.com/eos/

Tracklist:
1. The forbidden words

2. Incantation

3. Passage of time

4. The silent threat

5. Achilles heel

6. Covenant of souls

7. Face to face

8. Disintegration

9. Aftermath

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