DREAM THEATER: Train Of Thought

DREAM THEATER: Train Of Thought

Das DREAM THEATER Album Train Of Thought stellt schon alleine aufgrund der kurzen Entwicklungszeit eine Besonderheit dar. Nur etwa ein Jahr verging seit dem Vorgängeralbum 6DOIT. Üblicherweise lassen sich die Herren Portnoy/Petrucci/Myung/Rudess/LaBrie gerne 2-3 Jahre für ein neues Release Zeit. Es stellt sich also die Frage, ob DREAM THEATER zu einer dieser unzähligen Bands werden, die jedes Jahr eine Platte aufnehmen, deren Änderungen zum Vorgänger sich auf das Cover und Reihenfolge der Tracks beschränken. Also raus mit der CD aus dem komplett schwarz-weißen Artwork und rein in den CD Player.

Zuerst: ein Keyboardakkord, der einem sofort vertraut ist. Als Fade-In des Openers As I Am fungiert das Fade-Out von Losing Time/Grand Final der Vorgängerscheibe 6DOIT! Der zweite Aha-Effekt sind die sehr gut abgenommenen und abgemischten Drums. Keine Spur mehr von den Snare Sound Problemen, die auf nahezu allen alten DREAM THEATER Scheiben auffielen. Eine weitere positive Neuerung bringt der Sound auch noch: der heimliche Star der Band, John Myung, der seit den Anfangstagen in Berkeley den 6 saitigen Bass bei DREAM THEATER bedient, ist so gut zu hören, wie noch auf keiner Scheibe zuvor. Positiv ist auch der Gesang von James LaBrie, oft kritisiert und rausdiskutiert, so lässt er auf dieser Scheibe die ganz hohen Höhen aus und auch in seinen Stil fließen moderne Elemente in Form von harten, rhythmischen Gesangspassagen ein. An den Gitarren geht man den auf 6DOIT eingeschlagenen Weg: tiefe brachiale Riffs zieren den Opener As I Am. Generell ist brachial das richtige Wort für diese Scheibe. Tiefe Gitarrenriffs treffen auf knallharte Drums mit viel Double-Bass wie im Intro von This Dying Soul oder auch in Honor Thy Father. Jordan Rudess wird mit seinen Keyboards im Vergleich zu allen vorherigen Releases in den Hintergrund gedrängt. Verwunderlich, da auf 6DOIT mit Blind Faith noch ein Track war, auf dem er sehr viel Raum hatte. Natürlich hat auch Jordan Rudess Momente, in denen er sein ganzes Können zeigen darf wie z.B. im instrumentalen Part von Endless Sacrifice, genauso wie John Petrucci, dessen Gitarrensoli in der Geschwindigkeit nochmal zugelegt haben. Auch der Bass zeigt neben dem neuen Sound einige neue Einflüsse, so werden einige Grooves zum Beispiel im Instrumental Stream Of Consciousness direkt um John Myung aufgebaut, der allgemein etwas einfacher, dafür mit mehr Groove agiert. Zu Mike Portnoy gibt es nicht viel zu sagen. Sein Sound ist großartig. Er spielt tight ohne Ende und findet wunderbar die Balance zwischen zu viel und zu wenig.

Soviel zur Technik. Wie sind die Songs? Natürlich haben diese – wie immer – Überlänge. Zwischen 7 und 15 Minuten bewegt sich das Material. Man muss aber ganz klar sagen, dass DREAM THEATER – trotz der Länge – etwas an Vielseitigkeit rausgenommen haben. Oft wiederholen sich Takte und Themen auch mal und die Arrangements werden nicht ständig durch Fills, Breaks und Interludes aufgebrochen. Die Songstrukturen sind ein Stück greifbarer als gewohnt, wobei es in allen Tracks die geliebten und gehassten Instrumentalpassagen gibt. Vielseitigkeit wurde auch in der musikalischen Bandbreite rausgenommen. Das Album ist hart, ohne wenn und aber. Es fehlen etwas die entspannten, experimentellen Passagen, die DREAM THEATER auch immer wieder nutzten, um andere stilistische Elemente einzubringen. Die einzige Verschnaufspause ist Vacant, eine 3 minütige Ballade mit Piano und Streichern, die allerdings aus dem Keyboard von Jordan Rudess entspringen. Nach Vacant kommt dann schon mein persönliches Highlight: das Instrumental Stream Of Consciousness. Hier zeigen DREAM THEATER mehr Variantenreichtum. Bei diesem Track hat der Hörer wirklich das Gefühl, dass das Potenzial des verbesserten Sounds über einen kompletten Track annähernd ausgeschöpft wird. Denn über weite Strecken des Albums findet man großartige Musik mit heftigen Grooves und interessanter, düster angehauchter Atmosphäre, aber in manchen Teilen hätte man sich von DREAM THEATER einfach mehr gewünscht: mehr Vielseitigkeit, mehr Breaks, mehr Fills, mehr Interludes, mehr Ideen, mehr Abwechslung und nicht nur Härte und Energie. Auch wenn Train Of Thought etwas leichter zugänglich ist als andere DREAM THEATER Releases, prägen sich die Melodien und Songstrukturen – wie üblich – eher langsam ein und so braucht das Album schon einige Durchläufe, bis man einen Überblick gewinnt.

Trotz der Kritikpunkte ist dieses Album sehr gelungen. Der neue Sound macht einfach Spaß. DREAM THEATER haben sich einmal mehr neu erfunden. Wer sich etwas in der Diskographie auskennt, weiß, dass jedes Album absolut eigenständig klingt und das gilt auch für Train Of Thought. Neben aller Härte kommen Melodien, Harmonien und die progressiven Anteile natürlich nicht zu kurz. Für Leute, denen DREAM THEATER bisher zu abgefahren waren oder die die Jungs erst gar nicht kannten, ist dieses Album sicher eine gute Chance einen Zugang zu finden, weil die Songstrukturen gängiger sind, die Arrangements etwas straighter und härter geworden sind und der klare und druckvolle Sound sofort fesselt. Im Gegenzug könnten manche Fans die ersten beiden Punkte und die reduzierte Vielfalt stören.

Veröffentlichungstermin: 10.11.2003

Spielzeit: 69:22 Min.

Line-Up:
Mike Portony – Drums

James LaBrie – Vocals

John Petrucci – Guitars

John Myung – Bass

Jordan Rudess – Keyboards

Produziert von John Petrucci & Mike Portnoy
Label: Elektra Entertainment Group Inc.

Homepage: http://www.dreamtheater.net

Tracklist:
1. As I Am (7:47)

2. This Dying Soul (11:27)

3. Endless Sacrifice (11:24)

4. Honor Thy Father (10:14)

5. Vacant (2:57)

6. Stream Of Consciousness (11:16)

7. In The Name Of God (14:14)

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