DEEP PURPLE: Infinite

DEEP PURPLE: Infinite

Aha, das „Rockalbum des Jahres“, da ist man im Hause DEEP PURPLE aber sehr überzeugt von der neuem Scheibe „Infinite“! Das letzte Album „Now What?!“ kenne ich nicht, aber was davor so kam die letzten Jahre war ja nicht so wirklich beeindruckend. Gerade noch mal wieder „Rapture Of The Deep„, „Bananas“ und „Abandon“ gehört bestätigt sich dies nochmal, gut bis nett mit ein paar besseren Songs, aber sicher keine Highlights. Wobei es sicher auch schwer ist, an die selbstgesetzte Messlatte als Mitbegründer des Hard`n´Heavy-Sound vor 50 Jahren heranzukommen. Wer Meisterwerke wie „Fireball“, „Machine Head“ oder „In Rock“ geschaffen hat, der hat es sicher nicht leicht. Aber DEEP PURPLE ziehen nun mal mit „neuen“ Leuten, die ja auch schon ewig dabei sind, ihr Ding durch. Das verdient Respekt, aber verdient sich „Infinite“ solche großen Worte wie auf dem schmucken Aufkleber der CD?

Beim ersten Durchlauf wollte der Opener „Time For Bedlam“ gar nicht so recht zünden, mittlerweile wache ich morgens auf mit der Melodie im Kopf! Jetzt pumpt der Song, die Gitarren klingen sicher bewusst so nach RITCHIE BLACKMORE wie vielleicht nie zuvor, zappelig-schräge Passagen, Keyboards und Gitarren auf einem Level, und das unverkennbare Drumming, so groß hatte ich die Herren echt nicht erwartet. „Hip Boots“, was für ein fetter Groove, und was für unerwartet starke Vocals von Herrn GILLAN. Hatte man bisher oft das Gefühl, er versuche den Songs gerecht zu werden und kriegt das mit seiner in Würde gealterten Stimme nicht mehr richtig hin, scheinen nun die Songs eher auf ihn zugeschnitten zu sein. Nicht zu hoch, nicht zu wild, dafür erstaunlich relaxed und mit hörbarem Spaß an den Songs, da macht das Zuhören ebenso Spaß. Auch der Humor und die selbstironischen Vibes sind klasse, hier und da ist Schmunzeln angesagt. Wie wichtig sich doch viele der jungen Sänger nehmen – IAN GILLAN hat das nicht mehr nötig! Unverschämt catchy die Single „All I Got Is You“, durch und durch DEEP PURPLE, aber schunkelig genug (nicht nur) für die mitgealterten Fans. Die vergessen sofort ihre morschen Knochen, „One Night In Vegas“ macht das Wohnzimmer oder das Auto zur Tanzfläche, denn gerade im Autoradio funktioniert dieses Album perfekt. Lassen wir das Feiern der Songs, wobei man auch an dem wunderschönen „The Surprising“ nicht wortlos vorbei kommt. Sehr viel 70er, gar nicht so einzigartig, weil von vielen Bands damals so oder ähnlich gespielt, hier aber richtig gut. Bezaubernde Melodien, harte Parts, psychedelisches Gewabber, tolle Darbietung der Herren an den Instrumenten, live sicher ein Highlight! Ein Highlight von vielen, ausgenommen dem Rausschmeißer „Roadhouse Blues“. Zwar verpassen sie dem DOORS-Klassiker erfolgreich den typischen Touch der späteren DEEP PURPLE. Aber der Song wurde von so vielen Bands besser gestellt, zumal sich jedes Cover eh an der Version auf STATUS QUO´s grandiosem „Live“-Doppelalbum messen lassen muss. Hier jedenfalls ist es allenfalls ein netter Schunkelrocker, der aber den Wow-Effekt der meisten Songs auf „Infinite“ vermissen lässt. Was soll´s, dem gegenüber stehen reichlich Songs, die ich so den reifen Herren niemals zugetraut hätte. Was für einen Spaß macht dieses Album, für mitgereifte Alt-Rocker ein Fest und für jüngere Rock-Fans sicher eine fette Überraschung. Vielleicht mussten DEEP PURPLE einfach ein Alter erreichen, wo alles eh egal ist, wo man bei einem Club der +/- 70-Jährigen eh nicht weiß, ob es ein weiteres Album geben wird.  Nicht umsonst machen sich die Herren ja gerade auf ausgedehnte Tour unter dem Titel „The Long Goodbye“, nichts ist endgültig, aber irgendwann ist es doch vorbei.

Wenn „Infinite“ tatsächlich das letzte Album wäre in der Geschichte von DEEP PURPLE, dann wäre das ein wirklich großer Abgang! Hier auf dem nunmehr 20. Studioalbum kommen die besten Momente der späteren Jahre und so manche Verweise auf die Hochzeit der Rockgötter zusammen. Allen hört man die Spielfreude an, der seit 1994 ewig neue Steve Morse spielt fantastisch auf, wird allerdings im Vergleich zu den Keyboards teils etwas zu weit in den Hintergrund geschoben. Don Airey, auch schon seit 2002 dabei,  kann natürlich den Hammond-Gott JON LORD nicht vergessen machen, fügt sich aber perfekt ins Gesamtbild ein und bringt hier und da neue Elemente, die es so ohne ihn vielleicht nicht gegeben hätte. Dass auch er ein Meister an den Tasten ist, das hat er ja oft genug bei zahllosen Acts bewiesen wie RAINBOW, OZZY, BLACK SABBATH und so vielen mehr. Das Drumming von Ian Pace und das Bassspiel von Roger Glover sind einfach entzückend, und die Vocals von IAN GILLAN so rund und unterhaltsam wie schon ewig nicht mehr. Vielleicht liegt es auch an Produzentenikone Bob Ezrin (u.a. PINK FLOYD, KISS, ALICE COOPER), hat er das aus der Band herausgelockt? Da muss unweigerlich doch der auch von ihm betreute Vorgänger „Now What?!“ zum Vergleich  mit auf die heimische Einkaufsliste.

Selbst das Booklet der CD-Version von „Infinite“ kommt ordentlich daher, kein dünnes Blättchen wie bei manchen Kollegen. Wie sehr sich die Band auf den Bildern zu Helden der lustigen Art macht, wo die nach Polarforschertrupp anmutenden Bilder doch bei uns im heimischen Norden an der winterlichen Alster gemacht wurden.

Ja ja, vielleicht bin ich nicht wirklich objektiv, wie auch, wenn man sich als ganz kleiner Bubi die nagelneue „In Rock“ – auch hier im Booklet gibt es einen passenden optischen Verweis zum 1970er Klassiker – zu Weihnachten hat schenken lassen statt irgendwelche Matchboxautos wie die Kids aus der Nachbarschaft. Und wenn dann nach so langem gemeinsamem Weg so ein überraschend starkes Album kommt, dann darf man auch mal übertreiben. Rosinenpopler mögen ihre Schwachstellen finden, ich suche gar nicht danach (abgesehen vom Coversong) und feiere das Album, das mit dem Aufkleber „Rockalbum des Jahres“ gar nicht mal so übertreibt! Da ist es absolut kein Wunder, dass „Infinite“ seit V.Ö. die internationalen Charts aufrollt, in Werbefilmchen renommierter Produkte aus dem Fernseher rockt und immer wieder viel zu laut aus irgendwelchen Autos zu hören ist.

Pflichtkauf für alle Rocker, egal ob mitgealtert oder nachgewachsen! Da werden auch die nächsten Konzerte sicher wieder ein buntes Treffen der Generationen, wie bei DEEP PURPLE ja lange schon. Zu verlockend, sich auch die Vinylversion dieses zukünftigen Klassikers der Bandgeschichte zu sichern.

Wer die Möglichkeit hat, der sollte natürlich auch eine Show der „The Long Goodbye“-Tour mitnehmen, zumal DEEP PURPLE von den starken kanadischen Rockern  MONSTERTRUCK begleitet werden.

Tourdaten bei vampster: DEEP PURPLE, MONSTER TRUCK

VÖ: 07.04.2017

Spielzeit: 45:37

Lineup:
Ian Gillan – Vocals
Steve Morse – Guitar
Roger Glover – Bass
Ian Paice – Drums
Don Airey –  Keyboards

Produziert: Bob Ezrin

Label: earMUSIC / Edel

Website: http://www.deeppurple-infinite.com

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/officialdeeppurple

Tracklist:
1. Time For Bedlam
2. Hip Boots
3. All I Got Is You
4. One Night In Vegas
5. Get Me Outta Here
6. The Surprising
7. Johnny´s Band
8. On Top Of The World
9. Birds Of Prey
10. Roadhouse Blues

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Frank Hellweg
Lebensmotto "stay slow", Doomer halt.... Love & Peace geht auch immer, nur ohne Musik geht nichts!