BLACK SABBATH: Black Sabbath

BLACK SABBATH: Black Sabbath

Es war einmal: ein kleiner, schüchterner Junge irgendwo im Nirgendwo zwischen Hannover und Bremen, der ging noch nicht mal zur Schule. Und während seine Spielkumpels sich noch Kassetten anhörten vom Kasperle und von Lederstrumpf (damals DER Adventure-Hörspiel-Knüller!), hörte dieser Knabe lieber mit seinem Transistorradio den Sender BFBS, der für die angesiedelte britische Garnison ausgestrahlt wurde. Eines nebeligen Abends geschah es dann, dass sein ganzes Leben einen wirklichen Sinn bekam. Mit Taschenlampe und Radio unter der Bettdecke – man musste ja schon längst schlafen – ertönte sie, diese magische Kirchenglocke, die sich rufend ihren Weg durch den plätschernden Regen im Radio bahnte. Komm zu mir, schien sie verheißungsvoll zu rufen, um den Knaben dann mit einem diabolischen Stromgitarren-Riff eine Gänsehaut zu bescheren, wie sie nie zuvor ein Mensch gesehen hatte. Jeder Erwachsene hätte bei dieser Teufelsmusik das Weite gesucht. Jener Knabe aber, der war gefangen in einem mystischen Sound, der ihn sein Leben lang begleiten sollte – er hatte zum ersten Mal den Song „Black Sabbath“ gehört!!!

Warum ich Euch das erzähle? Nun, der Messwein ist geöffnet, die schwarzen Kerzen entzündet, es wird gefeiert: das Debütalbum der Doom-Väter BLACK SABBATH hat heute Geburtstag, wird stolze 40 Jahre alt! Das Original wurde passend am Freitag, dem 13. Februar 1970 im UK veröffentlicht. Und dieses Album sollte nicht nur bei mir Geschichte schreiben, ohne diese Platte würde es die Doom-Szene, wie sie von einem kleinen, aber feinen Kreis leidenschaftlich gelebt wird (nein, ich meine nicht die Wochenend-Doomer, die sich mit zwei CANDLEMASS– und einer SAINT VITUS-CD schon als Szeneveteranen sehen). Hier gab es Musik, welche die Rockmusik nachhaltig verändern sollte. Der Background aus Blues und Jazz der Musiker, die ihren Weg von der Band MYTHOLOGY über EARTH bis zu eben BLACK SABBATH fanden, war noch deutlich herauszuhören. Und doch strahlte das Album eine bis dahin unbekannte Härte und Dunkelheit aus, die für viele brave Menschen nur einen Verdacht zuließen: Teufelszeug, Satanismus! Dabei ließen sich die Herren viel mehr durch okkulte Gruselgeschichten inspirieren, zum Beispiel von Dennis Wheatley, der Bandname entstammt dem gleichnamigen Gruselfilm mit Horror-Ikone Boris Karloff von 1963, der im Kino gegenüber dem Proberaum lief, als sich EARTH nach einem kurzen Ausflug des Gitarristen Richtung JETHRO TULL wegen eine gleichnamigen Band umbenennen mussten.

Das unheimliche Coverbild deutet an, was uns erwarten wird. Es zeigt eine wandelnde Frau, wohlmöglich eine Hexe, vor der Mapledurham-Wassermühle in Oxfortshire herumschleichen. Wohl nur auf dem Originalcover ist noch die schwarze Katze zu erkennen, die zu jeder gepflegten Finsterfrau gehört. Im Innencover der Original-LP, welch ein Schock, das vielleicht erste umgedrehte Kreuz der Musikgeschichte. Der angsteinflößende Titelsong eröffnete eine Reise durch dunkle Welten, der Einsatz von tritonischen Tonfolgen, bekannt und gefürchtet als Teufels-Intervall, wiedersprach allem, was die damalige Flower-Power-Musik ausdrückte. Die bedrohlichen Vocals, die düsteren Lyrics, die immer wieder ausbrechende Soundwand (hier fand das Wort HEAVY wohl seine erste eindringliche Bedeutung), der hecktisch treibende Ausklang, als wären unsichtbare Dämonenscharen hinter einem her, auch heute noch gibt es sofort und nachhaltig Gänsehaut. Die durchdringende Harmonika von OZZY OSBOURNE eröffnet „The Wizard“, der ungeahnt fett, druckvoll und mit fesselndem Drive aus den Boxen kommt. Das betont immer wieder auch die Harmonika, die sich im Gegensatz zu dem Posaunen der ersten Demos schlüssig einfügte. Die Lyrics waren inspiriert von Gandalf, nein, nicht meinem plüschigen Kater, sondern dem mächtigen Zauberer aus Lord Of The Rings. Behind „The Wall Of Sleep“ trägt in Tönen den Inhalt eines schlimmen Albtraums wieder, dem Spiel aus härtesten Blues-Riffs, ruhigen Momenten, eindringlichen Vocals und kleinen Hoffnungsschimmern fühlt jeder nach, der schon mal schweißgebadet aufgewacht ist nach einem schlimmen Traum und gleicht dem unvergleichlichen Moment danach, wo man nicht mehr schläft und auch noch nicht ganz wach ist. Dass dieser Song von der gleichnamigen Geschichte von H.P. Lovecraft inspiriert wurde, das verwundert nicht. „N.I.B.“, irrtümlich gern als Teufelshuldigung bewertet, letztendlich aber auf den Spitznamen von Drummer Bill Ward zurückgehend, wird immer noch zu gern missverstanden. Der von einem unbeschreiblichen Groove lebende Song erzählt aus Sicht von Luzifer, ist oberflächlich gesehen vielleicht der allererste Black-Metal-Song, wird aber letztendlich mit so viel verstecktem britischen Humor und Augenzwinkern dargeboten – wer hier noch an den Teufel glaubt, der erschreckt auch, wenn ALDI schon Ende Januar mit Ostereiern- und Schokohasen die Auferstehung von Jesus feiert. Das groovige „Evil Woman (Don´t Play Your Games With Me)“, in England bereits als Single veröffentlicht, ist eine Cover-Version der amerikanischen Bluesband CROW. In den USA und Kanada, wo „Black Sabbath“ im Mai 1970 über Warner Brothers erschien, durfte der Song aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden. Stattdessen fand sich auf der LP der Song „Wicked World“. Der fiel soundtechnisch etwas zurück, klang wie ein Überbleibsel der Aufnahmen, beinhaltet aber gnadenlos packende Grooves, die zum damals natürlich noch nicht erfundenen Doom-Dance einladen, trägt auch schon viele Elemente, die man auf den folgenden Alben wiederfinden sollte. Auf den diversen heutigen CD-Releases findet man beide Songs. „Sleeping Village“, ein Jahrhundertsong, beinhaltet dann in knapp vier Minuten alles, wofür das ganze Album steht. Ein einschmeichelnder Auftakt, der mit doch kalter Hand die Seele berührt, ein Riff, das zu explodieren scheint wie eine gestresste Furie, aber doch nicht die erhoffte Befreiung bringt, Gänsehaut, Grusel, Knochenhände, die im gedoppelten Solo nach einem greifen, und doch kann man nicht wegrennen. Statt der Erlösung folgt der nahtlose Übergang in „Warning“, ein Cover-Song der Blues-Rocker AYNSLEY DUNBAR RETALIATION. Was BLACK SABBATH aus diesem eher sonderbaren Original gemacht haben, sorgt dafür, dass auch heute noch kein Monat vergeht, ab dem nicht zumindest das Doppel „Sleeping Village – Warning“ meine Doom-Burg erschüttern lässt. Worte finden sich schwer, es herrscht Ehrfurcht, schwerste Riffberge, verspielte, fordernde Bassgitarren, ein oft jazziges Schlagzeug geben die Plattform für unzählige, schlüssig ineinander greifende Parts, ohne die das Leben niemals das geworden wäre, was es heute ist. Endlose Soli, bluesig, aber ganz anders klingend als alles bisher gehörte, immer gefühlvoll, und doch gnadenlos durchbohrend, prägen den Song. Dass dieses andere Gitarrenspiel, Riffing und Leads, eigentlich nur einem anatomischen Problem des Gitarrengottes TONY IOMMI zugrunde liegt, das wusste damals natürlich niemand. Was hier vor allem perfekt intoniert wird ist eines der wichtigsten Elemente der Musik: STILLE! Wie sagte der chinesische Philosoph Laotse (老子) so passend – die größte Offenbarung ist die Stille! Oft bricht der Song in sich zusammen, wiegt den Zuhörer in trügerischer Sicherheit, um ihn dann hinterrücks mit einem neuen Ausbruch des musikalischen Grusels zu packen. In über 10 Minuten, im sinnigen Doppelpack mit „Sleeping Village“ über 14 Minuten, ist dies Heavy-Kunst der unerreichbaren Art. Produziert wurde dieser Meilenstein von Rodger Bain, der unter anderem auch die ersten Alben von BUDGIE und JUDAS PRIEST produzierte. Man hört mit jedem Ton, dass die Band alles live eingespielt hat, alles fließt homogen, harmonisch, fast organisch. Nur der Herr Sänger wurde beim gemeinsamen Einspielen einsam in einen Nebenraum gesperrt, was man der Atmosphäre aber keine Sekunde anmerkt. Es wird auch schnell deutlich, dass ohne die nicht schönen, aber einzigartigen Vocals von OZZY OSBOURNE dieses Album niemals so groß werden konnte. Bedenkt man, dass Gitarrist TONY IOMMI sich nur mühsam für OZZY entscheiden konnte, weil dieser verrückte Knabe als einziger eine PA hatte, so hat Herr IOMMI da doch einen Glückstreffer gelandet. Er selbst sorgt dafür, dass er mit nur wenigen Riffs Gitarrengeschichte geschrieben hat. Wie viele Gitarristen, einschließlich des Verfassers, ohne dieses Vorbild wohl niemals zur Gitarre gegriffen hätten, ist nicht vorzustellen. Das sollte der Riffgott über nunmehr 40 Jahre mit BLACK SABBATH, mit seinen Soloalben und aktuell HEAVEN AND HELL deutlich belegen. GEEZER BUTLER sollte mit seinen einzigartigen, verspielten Bassläufen und starken Alben von GZR, GEEZER und mehr unzählige Bassisten prägen, BILL WARD, heute eher gemütlich in Rente, zeigte deutlich, dass Schlagzeugbeats nicht nur aus begleitenden Takten bestehen müssen, auch ein Drummer die Songs mit leben kann und soll. Man hatte zwei Tage Zeit, einen zum Aufnehmen, einen zum Abmischen. Diese Zeit reicht heute gerade mal, dass die Bands ihr Equipment ins Studio bringen.

Egal, in welche Richtung des Heavy Metal man sich bewegt, ohne dieses Album wäre all dies nicht möglich gewesen, somit gehört das Geburtstagskind Black Sabbath in wirklich jede Heavy Metal-Sammlung! Es gibt heute verschiedenste Releases. Das angebetete und versiegelte Original wollte man mir schon für Kohle abkaufen, die für einen Gebrauchtwagen gereicht hätte. Witzig, hier heißt Freund OZZY noch OSSIE OSBOURNE. Statt dem edelen, unantastbaren Original landet oft die immer noch mal (natürlich zu Horrorpreisen) auf Börsen zu findende Festlandpressung von NEMS auf dem Plattenspieler. Naheliegender sind da die CDs, im Original von Castle Records auch nicht mehr ruinfrei zu bekommen. Empfehlenswert ist die remasterte Version von Sanctuary Records von 2004, die mit wirklich gutem, natürlichem Sound die Songs würdevoll präsentiert. Die aktuelle Version von Universal Music gefällt mir vom Sound her weniger, gerade der im Original herrlich fuzzy und knurrige Basssound wirkt hier sehr zerrig und unnatürlich. Dafür gibt es hier unverzichtbares Bonusmaterial mit abweichenden Versionen, mit anderen Lyrics und und und. Wenn ich sie nicht hätte, ich würde beide Versionen KAUFEN, nicht downloaden! Aber egal, welche Version Euch über den Weg läuft, sie muss mit! Vielleicht für euch selbst, als Geschenk zu eurem nächsten Geburtstag? Unvergessen natürlich auch das fantastische Original-Video: Black Sabbath im vampster-Videoportal

Veröffentlichungstermin: 13.02.1970

Spielzeit: 38:14 (LP) – 42:59 (CD) Min.

Line-Up:
Ozzy Osbourne – Vocals
Tony Iommi – Guitar
Geezer Bulter – Bass
Bill Ward – Drums

Produziert von Rodger Bain
Label: Vertigo Records & diverse

Homepage: http://www.blacksabbath.com

Tracklist:
1. Black Sabbath
2. The Wizard
3. Wasp
4. Behind The Wall Of Sleep
5. Evil Woman
6. Sleeping Village
7. The Warning
8. Wicked World (nur CD)

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Frank Hellweg
Lebensmotto "stay slow", Doomer halt.... Love & Peace geht auch immer, nur ohne Musik geht nichts!