B.S.T.: Unter Deck

B.S.T.: Unter Deck

Nein, „Die Illusion“ von den Hamburger Jungs von B.S.T. ist vor gut vier Jahren irgendwie komplett an mir vorbei gegangen. Falsche Zeit, falscher Ort, keine Ahnung. Umdenken beim Gig als Opener für PENTAGRAM. Aber die Kumpels von THE ORDER OF ISRAFEL haben doch von der Show abgelenkt. So hat dann auch das neue Album „Unter Deck“ eine lange Reise gehabt, um meinen Player zu finden. Und dann ist es so wie es im Leben manchmal passiert. Ein einziger Moment reicht und du bist hin und weg. Der unfassbare Duft eines leckeren Pasta Gericht. Der Blick auf ein Foto und bamm! Oder du hörst eine Platte und weißt sofort sie lässt dich nicht mehr los. Und eben das haben B.S.T. geschafft mit „Unter Deck“, ein Durchgang und die Hamburger Jungs hatten mich!

Man verfällt sofort mit glasigen Augen in gepflegtes Doom-Dancing

„Stimmen“, was für ein Auftakt der zähen Art. Zerrende Twin-Guitars machen sich breit. Gitarrenmelodien, die natürlich sofort an MIRROR OF DECEPTION denken lassen, aber nicht mehr so prägnant wie noch auf „Die Illusion“. Man verfällt sofort mit glasigen Augen in gepflegtes Doom-Dancing. Und weiß wovon Heiko da singt! Deutsche Texte können schrecklich persönlich sein. Hier auf „Unter Deck“ sind sie es, findet man sich wieder! Spätestens wenn der Song zum Ende hin Fahrt aufnimmt bleibt man nicht sitzen. Da kommt auch wieder die alte CROWBAR-Schlagseite durch. Dann fliegen die letzten Haare und man spürt derbe den zerdoomten Nacken.

„Aufgabe“, so schön bei all seiner Schmerzlichkeit

Und dann hast Du diesen Moment! Wo dir die Nacht geraubt wurde, wo du deinen Kopf nicht klar kriegst, wo du nicht mal Musik hören magst. Und dann weißt du, welchen Songs du genau jetzt hören musst! Der einzige der genau jetzt geht. „Aufgabe“! Den man nicht sofort versteht, der so viel sagt! Wenn der Song zusammenfällt wirst du es auch! Geht es dann fett nach vorn, dann klingt das nach Schmerz, aber auch nach dem Weg nach vorn. Wer Doom mit Emotionen gleich setzt, der muss dieses Lied kennen! So viel Tiefe, so schön bei all seiner Schmerzlichkeit! Ganz große Musik!

Hoffnungslosigkeit macht sich breit mit B.S.T.

„Brenne“ kommt mit einer anderen Schwere. Schnell fällt er ein in melancholisch kuschelige Klänge. Für Nicht-Doomer wohl eher depressiv. Die Vocals fast zerbrechlich, auch die heavy Riffs so zurückgezogen, dass es wehtut. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. „Chance“ bietet da etwas weniger, weiß aber nicht nur durch das Mitwirken der Rosenquarz Studiobunnies Libido und Hahn zu gefallen.

Kraftvoll mit viel Platz für Dynamik

Auch kommt der gute Sound hier auf „Unter Deck“ zur Geltung. Wo man beim Vorgänger noch verschiedene Aufnahmesessions erkennen konnte, wirkt hier alles stimmig aus einem Guss. Fett genug um kraftvoll aus den Boxen zu walzen, aber nicht so überzogen, dass kein Platz bleibt für Dynamik. Denn damit spielen die sympathischen Jungs wirklich gut. Die Songs erzählen Geschichten, musikalisch und natürlich auch mit den Worten. Die hier in Deutsch fantastisch funktionieren. Nicht zu offensichtlich, man fragt sich erstmal was Heiko wirklich sagen will. Man hört hin. Und das gibt den deutschen Lyrics Raum. Natürlich kann Heiko nicht wirklich gut singen. Wenn man an die vielen Sangesgötter gerade im Doom denkt. Aber was er kann, und das ist die Königsklasse beim Gesang: er transportiert Emotionen, macht sie greifbar! Nicht durch große Stimmakrobatik, einfach durch das, was er ausdrückt. Hier und da erinnert er mich oft an Dieter „Maschine“ Birr von den PUHDYS. Mag sicher nicht jeder, aber eben genau so passt es zur Musik und zum Ausdruck der Songs.

B.S.T. können auch Englisch

Da ist es fast wunderlich, wenn mit „Ride On“ ein Song in Englisch kommt. Nun gäbe es viele Klischeesongs, die man verdoomen könnte. Mit der intensiven Ballade des irischen Folksängers CHRISTY MOORE aber greifen sie soweit neben jede Erwartung, das erfordert Respekt. Wer den Song im Original kennt hat sicher schon mal ein Tränchen vergossen. Und da knüpfen B.S.T. mit ihrer Version an. Natürlich vielmals kraftvoller drücken sie diesen gefühlvollen Song aus den Boxen. Wenn zum Schluss nur noch Gesang und Akkusikgitarre sprechen kommen sie hoch. Erinnerungen wie man in nicht guten Zeiten an der Aussen-Alster an seinem Lieblingsplatz gesessen hat und sich weit weg gewünscht hat. Und dann schließt sich der Kreis, die Jungs kommen aus Hamburg. Und endlich haben sie mich! Auch das Layout transportiert das, was das Album ausdrückt. Sehr gelungen!

Ein ganz großes Album!

Auch „Die Illusion“ wirkt jetzt größer, bleibt aber doch deutlich hinter „Unter Deck“ zurück. Was das Debüt angedeutet hat, wird hier in unerwarteter Form perfektioniert ohne Kopflastig zu wirken. Ein ganz großes Album, das sich nicht nur durch die deutschen Lyrics im Doom-Zirkus einen ganz eigenen Platz sichern kann.

Veröffentlicht: 27.07.2017

Spielzeit: 42:15 Min.

Lineup:
Heiko Wenck – Gesang, Gitarre
Jan Rudssuck – Gitarre
Lutz Reimer – Bass
Jan Galinski – Drums

Label: Voodoo Chamber Records

Homepage: https://b-s-t.net

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/HamburgCityDoom

Die Tracklist von „Unter Deck“:

1. Stimmen
2. Aufgabe
3. Brenne
4. Chance
5. Ride On

Frank Hellweg
Lebensmotto "stay slow", Doomer halt.... Love & Peace geht auch immer, nur ohne Musik geht nichts!