AT THE GATES: At War With Reality

AT THE GATES: At War With Reality

Warum mussten AT THE GATES nach fast 20 Jahren ein neues Album veröffentlichen?  Die Antwort ist simpel und großes Kompliment zu gleich: Weil sie es können! Sie können auch heute Songs schreiben, die mithalten können mit den Referenzwerken der Neunziger.

Sie können glaubhaft zwei Jahrzehnte einfach beiseite wischen und genauso wütend, atmosphärisch und authentisch klingen wie damals.

Sie können Songs schreiben, die so zeitlos und raffiniert sind, dass sie zu keinem Moment altbacken wirken und so nur für Nostalgiker, die damals dabei waren, interessant wären. Sie können noch immer Musik machen, von denen etliche der Kollegen was lernen können.

„At War With Reality“ ist viel komplexer als es scheint

At War With Reality wirkt niemals kalkuliert. Die große Stärke des Albums ist, dass es seine Komplexität erstmal geschickt versteckt – der Titeltrack zum Beispiel geht sofort ins Ohr.  Richtig schöne zweistimmige Gitarrenleads, die auch in ganz andere Genres passen würden, stampfende Zwischenparts, raffiniertestes Drumming, polternde, vorwärtstreibene Rhythmen, sägende Riffs,  Tompas unnachahmliche Stimme – die Zutaten sind altbekannt und altbewährt. Und ART THE GATES sind auch 2014 nach ihrem Erfolgsrezept vorgegangen: geschickt fügen sie Einzelteil um Einzelteil so zusammen, dass keine Brüche zu hören sind, dass Songs sofort hängenbleiben. Der Einstieg ist einfach, doch AT THE GATES wären nicht Legende, wenn ihre Musik keine Langzeitwirkung hätte.

AT THE GATES können eine Sache richtig gut: Songs schreiben

At War With Reality nutzt sich nicht ab, denn wenn AT THE GATES eines können, dann ist es Songs schreiben. Wo andere eine Idee auswalzen, bis nix mehr davon übrig ist, kommen AT THE GATES kurz und knackig auf den Punkt. Nach knapp vier, maximal fünf Minuten ist Schluss. Und das, obwohl unendlich viele Ideen in jedem Song stecken. Für mich neben Tompas wütendem, manchmal fast verzweifelten Vocals eine weitere Parallele zu dem, was früher mal als Hardcore bekannt war: schnelle, kurze, aggressive und punkige Songs, die  genau dort treffen, wo’s wehtut – und wer richtig zielt, dem reicht ein einziger Schlag.

„At War With Reality“ kommt ohne Klischees aus

AT THE GATES wissen auch, dass Härte und Aggressivität nicht zwangsläufig bedeutet, alle Verzerrer bis zum Anschlag aufzureißen. Im Gegenteil: Bei The Night Eternal verstärken die vielen fast schon komplett cleanen Gitarrenparts Tompas wütendes Anschreien gegen die dichte, undurchdringlich düstere Atmosphäre des Songs.  In The Conspiracy Of The Blind stellt die Band Tompa in den Vordergrund – funktioniert auch. The Head Of The Hyrda ist die Blaupause eines AT THE GATES –Songs, komplex und vielschichtig. Eater Of Gods hingegen ist eine halbwegs straighte Nummer, die mehr auf Rhythmus als auf Melodie setzt. Death And The Labyrinth ist ein zweieinhalbminütiges Lehrstück in Sachen Dynamik und Heroes Ad Tombs überraschte mich mit einer klitzekleinen SLAYER-Reminiszenz.  Der Bonustrack The Skin Of A Fire ist extrem düster, schleppend und fast schon monoton. Jeder Song hat eine kleine Eigenheit, die ihn besonders macht – und die Entdeckungsreise  zu diesen Highlights macht das Album auch auf lange Sicht extrem spannend. Übrigens lohnt auch ein Blick ins Booklet und auf die Texte – die völlig klischeefreie Gestaltung beweist ebenso wie die Songs die Originalität und Einzigartigkeit von AT THE GATES.

Vielleicht kann man an At War With Reality auch genau an dieser Stelle kritisieren: Die Songs wirken, also ob sie zu sehr unterschiedlichen Zeiten entstanden sind – At War With Reality ist nicht wie aus einem Guss. Ob das aber wirklich ein Nachteil ist, oder ob man die vielen Facetten der Band einfach bewundern soll, kann ja jeder für sich entscheiden.

Veröffentlichungstermin: 24.10.2014

Spielzeit: 52:41 Min.

Line-Up:

Tomas Tompa Lindberg − Vocals
Anders Björler − Gitarre
Martin Larsson − Gitarre
Jonas Björler − Bass
Adrian Erlandsson − Drums

Label: Century Media

Homepage: http://www.atthegates.se

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/AtTheGatesOfficial

Tracklist:
1. El Altar Del Dios Desconocido
2. Death And The Labyrinth
3. At War With Reality
4. The Circular Ruins
5. Heroes And Tombs
6. The Conspiracy Of The Blind
7. Order From Chaos
8. The Book Of Sand (The Abomination)
9. Language Of The Dead (Bonustrack)
10. The Skin Of A Fire (Bonustrack)
11. The Head Of The Hydra
12. City Of Mirrors
13. Eater Of Gods
14. Upon Pillars Of Dust
15. The Night Eternal

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...