ANTLERS: beneath.below.behold

ANTLERS: beneath.below.behold

Es gibt ja kaum bessere musikalische Untermalung beim Wandern als Black Metal – repetitiv, primitiv, naturverbunden, kalt. Was aber tun, wenn’s warm ist? Womöglich noch die Sonne scheint?! Die Leipziger ANTLERS haben sich das evtl. auch gefragt, und dabei ist mit diesem ihrem zweiten Album nicht weniger als eins der besten Black-Metal-Alben der letzten 30 Jahre rumgekommen.

Schon das bunte Cover legt nahe, dass es sich bei „benath.below.behold“ nicht um einen für das Genre typischen, klirrend kalten Wintersturm handelt. Klirren tut’s zwar, Flocken spür‘ ich null, wie ich in Anlehnung an eines meiner Lieblings-Rumpfkluft-Motive formulieren mag; stattdessen stampft’s und schwelgt’s in einer harmonischen Elegie nach der andern mir um die Ohren, dass ich gar nicht mehr raus will aus der Sonne (und mit einem blöden Sonnenbrand bezahle – das hab ich nun davon!).

Klingt komisch, funktioniert aber prächtig!

Im Ernst: Als das dunkle, erhabene, vom Bass (!) gespielte Leitmotiv von „Theom“ mich zum ersten Mal umhaute, wusste ich sofort: Das ist ein weiteres Album für die Ewigkeit einer weiteren Band, die ich vorher nur so halb auf dem Schirm hatte. Wie da Rhythmus und Melodie Hand in Hand gehen, ist trotz aller Simplizität direkt klar, dass man das nicht nur noch fünfzig mal hören kann, sondern auch muss. Und was das Beste ist: Es wird nie langweilig! Ich bin jedes Mal von den Socken, wie schnell nicht nur die ersten elf Minuten („Theom“) rum sind, sondern wie schnell wir bereits bei „Metempsychosis“ sind, dem Herzstück des Albums, einem epischen Meisterwerk von einer Hymne, das sich ohne Umschweife zu „Mother North“, „With Strength I Burn“ oder „Dauden“ gesellt, einmal freundlich „Guten Tag“ sagt und die in die Jahre gekommenen Kolleginnen dann zum Bier bittet. Dieser Groove, diese Energie! Und dann dieser Chor, der auch ohne romantisches Naturpanorama jederzeit in der Lage ist, Tränen der Rührung hervorzurufen, aber mit ihm – wow. Wann habe ich das zuletzt so intensiv gespürt? In den 90ern, klar. Ganz schön geil!

Der Groove, erwähnte ich schon den Groove?!

Ja, das ist es: Die Erhabenheit der winterlichen Hymnen-Produzenten aus Norwegen, verbunden mit der rohen Energie des Punk und einer märchenhaften Frühsommer-Atmosphäre – klingt komisch, funktioniert aber prächtig und hört sich an, als ob Kratos aus dem neuen „God Of War“-Spiel sich durch eine ganze Armee schlachtet – und danach in den idyllischen Märchenwald starrt und seinem Sohn zärtlich die Kopfhaut tätschelt. Herrlich! Allein diese finster funkelnden Bass-Melodien immer wieder, dazu die perfekt schrammelnden Gitarren, die stets genau die richtige Harmonie-Schüppe drauflegen, und der Groove, erwähnte ich schon den Groove?! Das einzige, was ich anfangs noch nicht so gut fand, ist der eigentlich für meinen Geschmack zu tiefe Grunzgesang, aber auch den finde ich mittlerweile großartig. Schade also, dass nach – huch?! – 51 Minuten schon Schluss ist, das Ding ist so kurzweilig, dass ich ernsthaft bis gerade eben dachte, es sei nur 30 Minuten lang. Muss man auch erstmal schaffen.

Kein Wort zu den Texten? Kein Wunder, ich kenne sie nicht, geht wahrscheinlich um Natur und Philosophie oder so. Egal, Leute, kaufen, auf Konzerte gehen, unterstützen, auf keinen Fall verpassen, ANTLERS ist etwas Großes gelungen.

Spielzeit: 51:20 Min.
Veröffentlicht am 7.4. auf Van Records / Totenmusik

Antlers auf bandcamp

01. Theom
02. Heal
03. Nengures
04. Beyond The Golden Light
05. Metempsychosis
06. Drowned In A Well
07. Off With Their Tongues
08. The Tide
09. Lug’s Waters

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.