AMORPHIS: Queen Of Time

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AMORPHIS ist die Band, mit der ich problemlos älter werden kann. Seit dem 1992er Album „The Karelian Isthmus“ gefällt mir tatsächlich ausnahmslos alles, was die Finnen veröffentlicht haben. Bislang. Mit „Queen Of Time“ muss ich kämpfen.

AMORPHIS übertreiben es auf „Queen Of Time“ einfach. Zum ersten Mal hat die Band mit einem Orchester und einem Chor zusammengearbeitet – und da fehlte offenbar das richtige Maß. Auf „Queen Of Time“ gibt’s von vielem einfach viel zu viel – zu viel Bombast, zu viel Pomp, zu viele Effekte, zu viele Wiederholungen.

Schade, denn auch für „Queen Of Time“, ihr 13. Album, haben AMORPHIS Songs geschrieben, die unverkennbar nach AMORPHIS klingen: Ein Wechselspiel zwischen hart und zart, zwischen ihrer ganz eigenen Art des Melodic Death Metals und erdigen Classic Rock-Nummern, zwischen finnischer Folklore und orientalischen Melodien, mit hin- und mitreißenden Melodiebögen und einem Sänger, der zu den besten überhaupt gehört.

Wollten AMORPHIS auf „Queen Of Time“ einfach zu viel?

Auf „Queen Of Time“ gibt es vieles von dem zu hören, was AMORPHIS schon um die Jahrtausendwende in ihren Sound integriert haben: Etwa ein Saxophon, wie auf „Am Universum“ beim Song „Drifting Memories“. Einflüsse aus den Siebziger Jahren: “ Goddess (Of The Sad Man)“, ebenfalls von „Am Universum“ erweist mit Hammondorgelklängen den Seventies eine Reverenz, „Killing Godess“ von „Far From The Sun“ ist eine große Verbeugung vor DEEP PURPLE. Und immer klang alles stimmig, passend, aus einem Guss. Dass AMORPHIS mit Gastmusikern wie Saxophonisten arbeiten und traditionelle Instrumente in ihre Songs integrieren können, ohne dabei ihre DNA zu verlieren, haben sie auch mit den neuen Arrangements einiger ihrer Songs für das finnische Kulturfestival Helsingin juhlaviikot bewiesen. Die acht Songs wurden als Bonus-CD zur Tour-Edition von „Under The Red Cloud“ veröffentlicht.

AMORPHIS klingen vielschichtig und aufwändig wie eh und je – aber…

So, und was ist nun das Problem mit „Queen Of Time“? Es ist doch alles da, was man von AMORPHIS erwartet, die Songs vielschichtig und aufwändig wie eh und je. Die erste Vorab-Single und der Album-Opener „The Bee“ macht neugierig: Der Song brummt und vibriert wie ein Bienenstock, ist quasi lautmalerisch mit seiner quirligen Melodie. Tomi Joutsen braucht hier nicht mal 90 Sekunden, um einmal mehr zu zeigen, dass er ein unfassbar guter Sänger ist, der von markerschütternden Growls bis zum sanften, klaren Gesangslinien voller Gefühl alles kann. Dazu eine dieser typisch orientalischen AMORPHIS-Signature-Melodien. Bisschen viel Keyoboards vielleicht und eine recht überflüssige Wiederholung des Hauptmotives um ein paar Halbtöne nach oben verschoben – dieses Manko hebt ein darauf folgender sphärischer Part mit zartem, zerbrechlichen Frauengesang aber wieder auf.

Doch dann kommt’s: Die ersten Töne von „Message In Amber“ sind für mich wie Fingernägel auf einer Schiefertafel, Metallbesteck auf einem Steingutteller, Sandkörnchen auf Glas: Eine 2,50-Euro-Diskount-Melodie vom Grabbeltisch für Symphonic-Metal-Bands, immer und immer wiederholt. Und es kommt noch schlimmer: Im Verlauf des Songs wird die Melodie nochmals vom Keyboard aufgegriffen, bügelt alles nieder und im letzten Drittel kommt auch noch ein Chor ins unwürdige Spiel. Und ein Vocoder mit Computerstimmen-Effekt! Der Song ist einfach nur vollgestopft.

„Dieses Werk ist selbst für uns eine gewaltige Überraschung“, sagte Gitarrist und Songwriter Esa Holopainen über „Queen Of Time“. „Noch während der Pre-Produktion hatten wir ja keine Ahnung, welch monumentale Landschaft Jens (Borgen – der Produzent von „Queen Of Time“) im Kopf hatte. Sicher, er sprach sehr viel darüber, doch wir wussten ja nicht, dass er das alles aufs Album packen würde, was ihm im Kopf herumschwirrte!“  Leider ist genau das für mich der große Kritikpunkt an „Queen Of Time“ – das Album ist sicherlich eine Entwicklung und wahrscheinlich hat kein ernsthafter Musiker Spaß daran, immer und immer wieder die selbe Musik aufzunehmen. Aber AMORPHIS hatten bislang das seltene Kunststück geschafft, von Album zu Album etwas anders zu klingen und gleichzeitig ihren eigenen Stil zu behalten. Auf „Queen Of Time“ haben AMORPHIS ihre Seele irgendwo im Orchestergraben versenkt.

AMORPHIS liefern Ausfälle wie noch nie

Zweiter krasser Ausfall: „We Accursed“: Der Song nervt mit 70er-Jahre-Prog-Art-Rock-Georgel – das leider viel zu lange und viel zu oft erklingt. Wo früher Hammond-Orgeln Akzente und Gänsehaut erzeugten, ist auch hier wieder viel zu viel von allem. Da ein Streicherpart, da noch einer, hier ein Keyboardsolo… Der Song an sich wäre wirklich gut. Leider haben AMORPHIS auch hier vieles über das Songgerüst gestülpt, was überhaupt nicht songdienlich ist.

Aber es geht doch: „Amongst Stars“ verzaubert

Zurückgenommen haben sich AMORPHIS beim Duett „Amongst Stars“. Hier ist wieder Anneke van Giersbergen zu hören, die mit ihrer natürlichen und unverkennbaren, kräftigen Stimme diesem Album etwas davon zurückgibt, was irgendwo im Studio zwischen Chor-Noten und Orchester-Arrangements wohl verlorenging: Seele, Wärme, Leben. Da passt plötzlich wieder alles! Auch „Heart Of The Giant“ ist ein typischer AMORPHIS-Song, wie er auch auf dem letzten Album „Under The Red Cloud“ hätte sein können – jetzt ist halt noch ein Chor zusätzlich dabei. „The Golden Elk“ hat eine dieser unwiderstehlichen Melodien, die sich Tomi und Esa aus dem Handgelenk schütteln, dazu ein paar orientalische Anklänge. Das kurze Streicher-Intermezzo in der Mitte des Songs ist an dieser Stelle passend, weil ein bisschen dezenter. „Wrong Direction“ hat einen interessanten, weil ungewöhnlichen Rhythmus und folkige Flöten-Klänge, dazu einen Gesangspart mit Vocoder-Roboter-Stimme und am Ende stimmt der Chor mit ein – und dann bügeln Streicher wieder alles nieder.

Ich habe mir Mühe gegeben, ich wollte mir dieses Album wirklich schön hören, weil ich die Band so sehr mag. Es hat nicht funktioniert. Aber mir bleiben ja zwölf andere Alben von AMORPHIS.

VÖ: 18.05.2018

Label: Nuclear Blast

Im Netz: facebook.com/amorphis/

AMORPHIS „Queen Of Time“ Tracklist

01. The Bee (Lyrics-Video bei YouTube)
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction (Video bei YouTube)
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast
Bonus Tracks (DIGI, 2LP, and MAILORDER EDITION only)
11. As Mountains Crumble
12. Brother And Sister

Line-Up:
Tomi Joutsen (vocals)
Esa Holopainen (guitar)
Jan Rechberger (drums)
Tomi Koivusaari (guitars)
Santeri Kallio (keyboards)
Olli-Pekka Laine (bass)

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...