A FOREST OF STARS: Grave Mounds And Grave Mistakes (Special Edition)

A FOREST OF STARS: Grave Mounds And Grave Mistakes (Special Edition)

Na, da haben A FOREST OF STARS es sich aber auch leicht gemacht: kommen aus England, machen einen auf exzentrisches 19. Jahrhundert, veröffentlichen auf Prophecy, basteln ihr Album-Cover-Motiv (und mehr) über einen Zeitraum von zwei Jahren mal eben selber und hauen “Grave Mounds and Grave Mistakes” dann noch in einer 500er-Auflage raus, in der jede (handgemachte!) Box durch verschiedene Gimmicks ein Einzelstück darstellt.

Ich werde sie also mögen müssen.

Wie, sagt ihr, es war gar nicht das Ziel der Band, mir zu gefallen? Ich soll mich mal nicht so wichtig nehmen? Und überhaupt, eigentlich war das gar nicht leicht, sondern wahrscheinlich sogar ganz schön aufwändig?

Please welcome The Gentlemen’s Club of A Forest of Stars!

Na gut. Ist was dran. Ich sag’s ja nur. Mach ich die Platte also mal an: Ein liebliches Flöten-Intro, hm, schön, was… ALTER IST DAS GEIL! “Precipice Pirouette” heißt der eigentliche Opener, und der eröffnet den Reigen schon sowas von herrlich, allein die Gesangs-Darbietung aus Schreien, Sprechen, Singen, Jaulen… Ich fühle mich angenehm an David Tibet (CURRENT 93) in völlig durchgeknallt erinnert und bin auf der Stelle gefangen genommen, aber nicht nur davon, der dramatisch-theatralische Gesamt-Klang ist es, der den Gentlemen’s Club A FOREST OF STARS ausmacht: Die klassische Metal-Instrumentierung plus Geige und Elektronik wirkt durch die perfekt auf die Band abgestimmte Produktion, als wäre sie ein einziges Instrument, ein riesiges dampfendes Etwas aus Metallteilen nicht von dieser Welt; ein Gerät, das sich unablässig dreht, wabert und wandelt, und auf dem ein dämonisch grinsender Irrer thront, der vom Ende der Welt und vom Drama seiner Existenz in ihr kündet. Er schreit und spricht und singt und quält sich, es ist abwechselnd eine Wonne und nicht zum Aushalten, aber aushalten will man’s trotzdem; dann kommt von der Seite eine bezaubernde Dame, gesellt sich zu ihm und singt! Singt, als gäb’s kein Morgen. Spätestens jetzt tanze und singe ich mit, es geht gar nicht anders. Seit Tagen, ach was, Wochen gehen ihre Gesangslinien mir schon nicht mehr aus dem Kopf, und so ist es kein Wunder, dass ich mich dieser verstörend-bezaubernden Maschine immer wieder aussetze.

“Grave Mounds And Grave Mistakes” ist ein Gesamt-Kunstwerk

Ich fand die Band übrigens immer schon interessant, aber beim gelegentlichen Reinhören in Sachen Songwriting nicht zugänglich genug, weshalb ich mich zu wenig mit den früheren Alben beschäftigt habe (werde es wohl nachholen müssen). Das hat sich nun geändert, die Stücke sind bei aller Exzentrik stets nachvollziehbar und sinnvoll aufgebaut, das Stilmittel “Wiederholung” ist zwar stets präsent, aber sorgt tatsächlich für enormen Spannungsaufbau, und die Hook-Dichte ist perfekt abgestimmt, so dass nicht nur der erste Durchlauf die Vorfreude auf den nächsten schürt, sondern auch bei jedem Mal was Neues hinzukommt: Highlights dieses wilden Ritts sind sicherlich das wundervoll trotzige “Tombward Bound”, das tieftraurige “Taken by the Sea” und das rasend-leidenschaftliche “Scripturally Transmitted Disease” (was für ein Finale!), aber “Grave Mounds And Grave Mistakes” sollte als Ganzes genossen werden, sonst verpasst man was. Daher hab ich mir auch die oben angesprochene Sammler-Box geleistet, und siehe da: Sie ist es wert!

Pfeifenrauch, Akustik-Bonus & faszinierende Kurzprosa

Was mir zuerst in die Hände fällt, ist ein charmant humorvolles Dankesschreiben an den geneigten Käufer und ein herrlich altmodisches, in Zeitungsmanier aufgemachtes Inlay, das nicht nur alle Texte und eben das individuelle Gimmick präsentiert, sondern auch eine ausführliche Dankes- und Grußliste, das alles auf sympathisch-verschrobene Art. Es riecht auch gut – nach Pfeifenrauch. Ehrlich! Und zu allem Überfluss ist da ja auch noch die Bonus-CD, die zwar nur 13 Minuten lang ist, aber dafür eine interessante abgespeckte Version des sich immer noch wüst durch alle Hirne und Welten drehenden Monstrums namens A FOREST OF STARS präsentiert, einmal eine ohne E-Gitarre und einmal eine psychedelisch instrumentale nämlich. Vor allem von der Akustik-Variante hätte ich gerne noch mehr gehört!

Das Inlay ermöglicht es mir nun auch, mich näher mit den Texten zu befassen. Da geht es um Tod, Tanz und Teufel und um Aas, immer wieder um Aas – auf eine Art und Weise, die den Anglophilen in mir von Beginn an aber mal sowas von entzückt:

“It’s death worship, all of it. Your gods wheeling above spiralling down into the pit of pathetic carrion you call life. Admonishing the vultures to tear away your fears with the promise of a better death. You are already rotting. Every one of you. Nothing but slurry clogging the gutters of decent folk who can’t be reassured by empty plattitudes of a clear sky. This is all rot. And oh, how we dance and pirouette amongst it all…”

Es gab mal eine Zeit, da gehörte es zu meinem Alltag, hochtrabende Beiträge in Internet-Foren zu verfassen. Zum guten Ton gehörte eine Signatur, und, meine Güte, jeder zweite Satz dieses Albums würde als eine solche taugen, so schön und formvollendet ist die Sprache von A FOREST OF STARS. Dabei ist das Programm schon im obigen Zitat vorweggenommen: Tanzen, Tanzen auf den Trümmern einer toten Welt, das ist es, was der Irre von der Maschine herab uns verkündet, und wer weiß, vielleicht ist er gar nicht so irre, vielleicht sind wir es, die ein Leben leben, das diesen Namen nicht verdient – in dem mehr Tod ist als sonst irgendwas, weil es nur darin besteht, unsere von der Herrschaft klein gehaltene Existenz tagaus tagein hilflos zu erneuern, in der Hoffnung, irgendwann den Lohn dafür zu erhalten, und sei es – so das Programm der christlichen Kirchen seit Ewigkeiten – die Ewigkeit im Himmel.

It’s Death Worship, All Of It!

“A life spent seeking balance; perhaps my spirit’s just not level. Always angling towards Hell. Catch of the day not worth a glance past nightfall.
(…)
I may not be the lord of the dance you ridiculous cunts, but I’ll have my tuppence worth, don’t you worry. One for each eye if you please.”

… Ja, “Tombward Bound” ist schon ohne den Text mitzulesen ein hoch emotionales Stück Musik, aber mit ihm, als Hilfe, den ungleichen verzweifelten Kampf des Protagonisten mitzuerleben, da könnten mir glatt die Tränen kommen. Einen Absatz muss ich noch zitieren, den Beginn von “Scripturally Transmitted Disease” nämlich, einem brutalstmöglich exhibitionistischen Pamphlet gegen die Normalität:

“I’ve never been a pillar of society; quite the opposite in fact. A player of insults; a place marker on the path of least resistance; nothing more. A face in the crowd, but a crowd behind Bedlam’s bars. Providing a barbed laugh for the wealthy; a grinning, dry target for their rigidity. Happily stuck in the throats of an angry mob stretched beyond repair by production line proclivity.”

Dass das Ganze hier im Nihilismus endet – geschenkt. Ich will nicht schon wieder meckern. “Grave Mounds And Grave Mistakes” ist so ein liebevolles, aufwändig produziertes und vollendetes Meisterwerk, dass ich mir sicher bin, diese Menschen sind Gute. Und ich bin froh, eines ihrer Kleinode mein Eigen zu nennen.

Spielzeit: 64:06 Min. (+12:57 Min. Bonus-CD)
Veröffentlicht am 28.9.2018 auf Prohecy Productions

1. Persistence Is All
2. Precipice Pirouette
3. Tombward Bound
4. Premature Invocation
5. Children of the Night Soil
6. Taken by the Sea
7. Scripturally Transmitted Disease
8. Decomposing Deity Dance Hall
Bonus:
9. So Much Walking Dust (Paradise For Sore Eyes)
10. Plight Of The Uneaven Heathen

Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.