1476: Our Season Draws Near

1476: Our Season Draws Near

Es mag ungewöhnlich erscheinen, ein Album etwa ein Jahr nach seinem Erscheinen zu rezensieren, aber für mich fühlt es sich ganz natürlich an. Ich höre viel Musik, sehr viel, und nie ist mir ganz klar, weshalb mir ein Album (gerade zu einem bestimmten Zeitpunkt) so viel gibt – oder warum ich es eben ein Jahr lang verdränge und dann gar vergesse, bis es plötzlich da ist und nicht mehr gehen will. Immer ist die Reflektion darüber, was ich wann höre und was das für Emotionen auslöst, eine Reflektion über mich selber, und vielleicht ist es das, was Musik für mich so wichtig macht: dass sie das perfekte Werkzeug zur Introspektion und Selbstreflektion ist.

„Our Season Draws Near“ von 1476 ist auf Prophecy erschienen, dem Label, das mir vor mehr als zwanzig Jahren einen neuen Kosmos an emotionaler Musik eröffnet und so sehr viel zu meiner Identitätsbildung beigetragen hat. Und es handelt selbst von Intimität – die Jahreszeit ist der Winter, die Zeit, in der wir uns zurückziehen, Wärme suchen in uns selbst oder bei jenen, die uns lieb sind. Im Falle von Robb Kavijan, Sänger und Texter des Duos aus New England/Kanada, führt das Zurückgeworfensein auf ihn selbst offenbar vor allem zu der Erkenntnis, dass er einsam ist. Das verraten nicht nur die in der Deluxe-Buch-Version enthaltenen Liner Notes in irritierender Deutlichkeit, auch die Texte sind zu großen Teilen alles andere als schwer zu entziffernde Botschaften der Einsamkeit, Resignation und Verzweiflung. Das Album spannt dabei einen Bogen von Kampf und Hoffnung auf ein goldenes Zeitalter („Ettins“), über die Beschäftigung mit dem individuellen Gefühl der Fremdheit und Isolation auch und gerade unter Menschen („Solitude (Exterior)“, die Erkenntnis des nostalgischen Trugschlusses auf die Vergangenheit („Sorgen (Sunwheels)“ & „Solitude (Interior“)) bis hin zur trotzigen Resignation und inneren Emigration („Winter Of Wolves“ & „Our Ice Age“): „Who was I to long for change?“

„Our Season Draws Near“: Verzweiflung angesichts des nahenden Weltuntergangs

Welche Veränderung Kavijan dabei meint, bleibt übrigens nur teilweise im Dunkeln. Er benutzt eine für einen antifaschistisch engagierten Deutschen verstörende Symbolik – germanische Runen & Mythologie und den Bezug auf den Zweiten Weltkrieg -, um sein Gefühl der Isolation und Entfremdung auszudrücken. Das ungemein kämpferische „By Torchlight“ (was für ein Hit!) lässt mich dabei am meisten stirnrunzeln: Hier beklagt der Mann, dass „the spirit of ’39“ uns alle dem Vergessen überlasse, wir den „World War II of here“ nicht stoppen können und uns somit mit unserer Verzweiflung angesichts des nahenden Weltuntergangs („a world choked by malaise“) abfinden müssen. (In „Winter Of Wolves“ singt er dann noch quasi diese Bilder ausführend ganz deutlich, dass er die Welt und alles, an das er früher mal geglaubt hat, halt abgeschrieben hat und alles scheiße finde. Immerhin, will man ihn beglückwünschen!)

Man kennt derartige apokalyptisch-apolitische Fantasien aus dem Nefolk und Black Metal (und in letzter Zeit leider auch aus dem DIY-Hardcore-Punk), und ich tendiere dazu, sie als eine Art Hilfeschrei zu verstehen, als Hilfeschrei verzweifelter, depressiver Menschen nämlich, die sich nie die Mühe gemacht haben, mal ein gutes Buch in die Hand zu nehmen, um sich die Welt zu erklären – und nein, die „Edda“ oder die Werke von Ernst Jünger sind nicht gemeint. Wer die Welt von links, materialistisch und dialektisch im Sinne von Marx und Engels etwa, analysiert und kritisiert, kommt nicht so schnell auf die Idee, dass alles zum Untergang verdammt ist, sondern der weiß, warum es aktuell in Richtung Untergang geht – und dass dieser Vorgang (noch) umkehrbar ist.

Für die Deluxe-Edition haben 1476 das Stück „Brim-Runar“ auf eine Extra-CD gepresst

Warum mir „Our Season Draws Near“ dennoch so gut gefällt? Nun – einerseits bietet es mir ein hohes Identifikationspotential aufgrund der Musik und Ästhetik (Leuchttürme! Einsamkeit! Verzweiflung, Leidenschaft, Meer! Verschnörkelte Bilder, romantisch-melancholische Melodien, Ohrwürmer, die sich erst nach fünf Durchläufen offenbaren, dann aber wochenlang bleiben, wilde Punk-Ausbrüche, eingefrorene Pflanzen und – omg, sogar ein Bild von Theodor Kittelsen!), andererseits genug Reibungsfläche, um daran wachsen zu können. Die Musik wirkt zunächst unscheinbar (vor allem der tiefe Gesang wollte mir zunächst so ungeschliffen gar nicht gefallen), erblüht dann aber unweigerlich zu einer Pracht, die keine Freundin, keinen Freund wehmütiger und leidenschaftlicher Rock-/Metal-Musik kalt lassen kann. Was kann man von einem guten Kunstwerk bitte mehr erwarten? Die ganze Herangehensweise – einen intimen, schonungslos verletzlichen Spagat zwischen DIY und Art-Rock-Konzept zu wagen – ist mir zudem ausgesprochen sympathisch, und ich finde es geradezu rührend, wie 1476 die Prophecy-Vorgabe „Her mit dem Stoff für ein Deluxe-Special-Edition-Artbook“ umgesetzt haben: Die Edition bietet neben den schon angesprochenen Liner Notes und Bildern lediglich ein paar (noch?) nicht verwendete Songtexte und das eher schwache 5-Minuten-Stück „Brim-Runar“ auf einer extra CD.

Abschließend: Vor allem der nicht verwendete Chorus von „Winter Of Winds“ macht deutlich, dass in der inneren Emigration neben der totalen Vereinsamung noch eine weitere Gefahr liegt; nämlich die, sich selbst als Konsequenz aus Enttäuschungen und Resignation so sehr zu überhöhen, dass der Zugang zur Außenwelt dauerhaft verschlossen bleibt. Dann will man andere Menschen, andere Wege, auch Widersprüche und Ambivalenzen, nicht mehr verstehen, sondern bleibt in seinem Loch, verbittert und zerstört, und unterhält sich nur noch wonnevoll mit seinem Spiegelbild. Das wünsche ich 1476 nicht – ich wünsche ihnen, dass sie die Hoffnung, die auf „Our Season Draws Near“ vor allem musikalisch immer wieder zum Ausdruck kommt, nicht verlieren und weitermachen: Immer vorwärts.

Veröffentlicht am 31.3.2017

Spielzeit: 56:36 Min.

Label: Prophecy Productions
Facebook: https://www.facebook.com/1476cult/

1. Our Silver Age
2. Ettins
3. Winter Of Winds
4. Solitude (Exterior)
5. Odessa
6. Sorgen (Sunwheels)
7. Solitude (Interior)
8. By Torchlight
9. Winter Of Wolves
10. Our Ice Age

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.