Tag 1 nach Live Earth: Sag mir, wo die Öko-Metaller sind

Tag 1 nach Live Earth: Sag mir, wo die Öko-Metaller sind

Wenn man mich nach einem Lied übers Autofahren fragt, kann ich auf Anhieb ein Dutzend Songs nennen – die meisten davon aus dem Bereich Hard´n´Heavy: Highway Star (DEEP PURPLE), Motorbreath (METALLICA), Steel Tormentor (HELLOWEEN) – und wie sie alle heißen. Wie sieht es im Gegensatz dazu mit Liedern über die globale Erwärmung aus? Das Thema Umweltzerstörung taucht regelmäßig in Metal-Songs auf, z.B. bei Eagly Fly Free (HELLOWEEN), Firestorm (RAGE), White Buffalo (RUNNING WILD), We Hold The Key (STRATOVARIUS). Im Vergleich zum Mainstream-Pop und auch anderen Stilen wie Rap, Jazz und Volksmusikschlager hat der Heavy Metal hier eindeutig die Nase vorn.

Bei Live Earth gab es freilich herzlich wenig Heavy Metal zu hören. BON JOVI spielten ein paar Radio-Hits und METALLICA kamen nicht um Nothing Else Matters herum. MANDO DIAO gaben zumindest bei Long Before Rock´n´Roll ordentlich Gas, hatten mit Metal aber im Endeffekt nur wenig zu tun. Dass man Weltklima-relevante Musik ebenfalls mit der Lupe suchen musste, überraschte mich aber doch.

Mit einer Familienpackung gutem Willen kann man den Refrain von Land Of Confusion von GENESIS auf den aktuellen Anlass übertragen, so wie Message In A Bottle (THE POLICE) – eigentlich ein Lied über soziale Isolation – am Ende des Konzerts in New Jersey zu einem Hilferuf des Planeten Erde umgemodelt wurde; leider auf Kosten der Musik, die unter penetranten Gesangseinwürfen diverser Gastvokalisten litt. Roger Cicero sang zwar von einer Frau, die sich in Sachen Umweltschutz engagiert. Wie bei vielen anderen Interpreten entstand aber auch hier der Eindruck, es ginge bei Live Earth um die Rettung der zwischenmenschlichen Beziehungen auf diesem Planeten.

Melissa Etheridge und Madonna sangen extra für den Klimaschutz komponierte Appelle, welche jedoch erschreckend unspezifische Texte hatten: Aufwachen soll das Publikum. Und verändern – sich selbst und die Welt. Aber wie? Und warum? Und liegt es nur an meiner Wahrnehmung oder gebrauchen Extremisten jeglicher Couleur frappierend ähnliche Parolen ebenfalls?

Natürlich ging Leitfigur Al Gore in seinen Ansprachen konkret auf die Problematik und die Lösungen ein. Gerade im Radio (in meinem Fall Bayern 3) kam davon wenig durch. Stattdessen wurde man mit Jingles terrorisiert und lernte dabei die Namen aller Konzertstädte zwangsläufig auswendig. Aber worum ging es ursprünglich? Das Ozonloch? Erdbeben? Doping im Profi-Radsport?

Obwohl Michael Mittermeier in dieser Hinsicht nicht völlig sattelfest war, stellte sein Auftritt in vielerlei Hinsicht den Höhepunkt des Spektakels dar. Er nannte das Problem beim Namen, zog mit dem im eigenen Humor über die politischen Akteure her und sprach dabei aus, was viele Leute sicher dachten. Neben diesem Lichtblick gab es leider auch viele belanglose Auftritte. Manche Interpreten schafften es nicht, ihre Musik live adäquat umzusetzen, manche hatten lediglich einfallslose Einweglieder im Programm – die meisten beides.

Soweit Live Earth. Jetzt zurück zum Heavy Metal. Wenn es schon verhältnismäßig viele Lieder über den zerstörerischen Einfluss des Menschs auf seine Umwelt gibt, können Texte über die globale Erwärmung nicht weit sein. Oder?

Meine erste Idee war, eine alternative, fiktive Veranstaltung zu skizzieren, bei der in erster Linie Heavy Metal-Bands aufspielen würden. Doch je intensiver ich nach geeigneten Kandidaten suchte, desto deutlicher zeichnete sich ab, dass das sich die meisten Texte auf vage Schilderungen von Umweltverschmutzung beschränkten. Schmelzende Polarkappen? Fehlanzeige.

Nicht jeder wird wissen, dass sowohl BLIND GUARDIAN (Theatre Of Pain) als auch Bryan Adams (Don´t Drop That Bomb On Me) über Umweltthemen gesungen haben. Wenn es um inhaltlich vielschichtigere Texte geht, müssen zwangsläufig PAIN OF SALVATION erwähnt werden, bei deren One Hour By The Concrete Lake-Album es eine menschliche Umweltsünde sogar in den Albumtitel geschafft hat. Und wenn es in Deutschland jemanden gibt, der unangenehme Wahrheiten offen ausspricht bzw. singt, dann ist das Reinhard Mey. Seine Mahnung Sei wachsam aus dem Jahr 1996 hat nichts von seiner Brisanz eingebüßt und wäre bei Live Earth ein willkommener Kontrast gewesen.

Wie man vielleicht merkt, weiche ich der Kernfrage seit vielen Absätzen immer wieder aus. Ist es wirklich so schwer ein Lied über Energiesparlampen, Solarstrom und Wiederaufforstung zu schreiben? Wo sind all die Protestsongs, die DIE ÄRZTE in ihrem Grotesksong mit beißender Ironie besingen?

Letzten Endes bin ich bei THRESHOLD fündig geworden, auf deren Debüt Wounded Land mit Consume To Live und Paradox gleich zwei textlich wie auch musikalisch überzeugende Stücke enthalten sind, die vom menschlichen Paradoxon handeln: Wir lieben die Erde, aber unser Handeln spricht eine andere Sprache. Die Briten singen von Kraftwerke, die die Atmosphäre zerstören. Auch ist die Rede davon, dass Wälder in Fleisch verwandelt werden – ein Vorgang, der in Brasilien nicht erst seit gestern Tag für Tag enorme Flächen von Regenwald vernichtet.

Da dieses Album bereits 1993 veröffentlicht wurde, sollte man meinen, dass in der Zwischenzeit weitere derartige Musik entstanden wäre. Erschreckenderweise blieb die Suche in meiner Plattensammlung aber so gut wie erfolglos. Einzig die amerikanische Folk-Sängerin Dar Williams hat mit Blue Light Of The Flame (auf ihrem 2005 erschienen Album My Better Self) ein Lied, dass sich mit den Folgen der globalen Erwärmung beschäftigt. Außerdem hat sie letztes Jahr einen hervorragenden Jugendroman geschrieben (Lights, Camera, Amalee), der das Thema mit viel Sprachgefühl und ansteckender Leidenschaft vermittelt.

Ich hoffe, dass die insgesamt ernüchternde Bilanz meiner – zugegeben unvollständigen – Recherche an meinem eigenartigen Musikgeschmack liegt. Wer weitere Global Warming Battle Hymns kennt, möge bitte diesen Artikel kommentieren. Ungeachtet dessen kann ich jeder aufstrebenden Band nur empfehlen, Lieder über den drohenden Klimakollaps zu schreiben. Das Thema wird noch länger aktuell bleiben, als uns lieb ist, und die Welt hat schon mehr als genug Lieder übers Autofahren. Es ist an der Zeit, dem Publikum den Ernst der Lage zu vermitteln und aufzuzeigen, wie einfach der Wechsel zu Ökostrom ist. Gerade etablierte Bands können auch eine gewisse Vorbildrolle übernehmen, indem sie beispielsweise auf unnötige CD-Verpackungen verzichten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Probe fahren, beim Catering auf Bio-Produkte bestehen und lediglich T-Shirts anbieten, deren Baumwolle aus ökologischem Anbau stammt und fair gehandelt wurde.

Also los jetzt, rettet die Erde! Sie ist der einzige Planet mit Heavy Metal!

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