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TASTE OF CHAOS 2009 mit IN FLAMES, KILLSWITCH ENGAGE, HEAVEN SHALL BURN, EVERY TIME I DIE, MAYLENE AND THE SONS OF DISASTER: München, Zenith, 08.12.2009

Live vom 11.12.2009   drucken senden

 

TASTE OF CHAOS 2009 Titel - (c) Tatjana Braun

"Den Zeitplan einzuhalten ist bei einer Veranstaltung wie dem TASTE OF CHAOS sehr wichtig", erklärte mir Björn Gelotte, Gitarrist der schwedischen Metalgröße IN FLAMES, gegen 18 Uhr in einem kleinen, fensterlosen Raum im ersten Stockwerk des Münchner Zeniths, "Deshalb spiele man, wie als Support in England, auch eher 44 anstatt 45 Minuten." Von Zeitplänen wollte man an der Kasse aber nichts wissen, wurde uns doch aufgrund organisatorischer Verzögerungen der Einlass in die klobige, aber wärmende Halle zunächst noch verwehrt. Dank eisiger Temperaturen und ungemütlichem Nieselregen stellte sich mir in der Zwischenzeit mehrmals die Frage, wie eine ganze Horde früh angereister Fans unter diesen Umständen schon seit Stunden die Eingangstore belagern konnte. Es war bereits 18:30 Uhr als ich endlich die erstaunlich gut gefüllte Halle betrat. Geschätzte 4000-4500 Leute hatten den Weg an diesem Dienstagabend auf sich genommen, um ihre Helden von EVERY TIME I DIE, HEAVEN SHALL BURN, KILLSWITCH ENGAGE und natürlich IN FLAMES live zu erleben.

 MAYLENE AND THE SONS OF DISASTER (c) Tatjana Braun
Southern Rock meets Metal - MAYLENE AND THE SONS OF DISASTER

Zunächst einmal stand jedoch mit MAYLENE AND THE SONS OF DISASTER ein mir bis dato gänzlich unbekannter Support-Act auf der Bühne. Dass die sechsköpfige Truppe mitsamt drei Gitarristen bereits um 18:45 Uhr, eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn, ran musste, schien angesichts der schon jetzt beachtlichen Horde vor der Bühne hingegen kein Handicap gewesen zu sein. Dass die Stimmung während den folgenden 30 Minuten trotz spürbar vorhandener Anerkennung dennoch nur schwer in Fahrt kam, lag hingegen wohl eher am musikalischen Außenseiterstatus der Amerikaner sowie natürlich dem Untergrunddasein, das die Band hierzulande fristet. Dabei war der groovebetonte Southern Rock mit deftigem Metaleinschlag für sich genommen höchst interessant und konnte durch den leicht breiigen Sound hindurch sogar mit einigen coolen Soli auftrumpfen. Sänger Dallas Taylor in Holzfällerhemd und Mickey Mouse-Shirt sorgte mit seinem bärtigen und zotteligen Äußeres für die passende visuelle Untermalung des Programms und gab den rotzigen, aber doch sympathischen Frontmann mit Bravour. Zwischen dreckigem Klargesang und tiefem Grunzen funkelte sogar immer wieder die Leidenschaft hindurch, mit welcher der Kopf des Sextetts diesen Auftritt bestritt. So schienen MAYLENE AND THE SONS OF DISASTER ihr Gastspiel in München trotz des undankbaren Openerslots zu genießen und obgleich sehr bald schon wieder Schluss war, dürften sie unter den aufgeschlossenen Besuchern sicherlich den einen oder anderen Interessenten hinzugewonnen haben.

 EVERY TIME I DIE Live (c) Tatjana Braun
EVERY TIME I DIE-Sänger Keith Buckley legte sich trotz knapp bemessener Spielzeit voll ins Zeug.

Keine 15 Minuten später sollten EVERY TIME I DIE bereits für die ersten zarten Moshversuche sorgen. Dies schien in den vorderen Reihen gut zu funktionieren, traf bei so manchem Besucher aber auch auf breite Ablehnung. Kein Wunder, überforderte der vertrackte und brachiale Metalcore im Stil von CONVERGE so früh am Abend doch gefühlte 90% der anwesenden Hörerschaft. Das verbliebene Zehntel freute sich dafür umso mehr über eine abgefahrene und verschachtelte Packung Metal- beziehungsweise Mathcore, dessen Brachialität durch die energiegeladene Stageperformance von Sänger Keith Buckley in noch höhere Sphären katapultiert wurde. Passend dazu die fast schon psychedelische Lightshow, die aufgrund schneller Licht- und Farbwechsel ein eindrucksvolles wie anstrengendes Spektakel darstellte. Anstrengend umschreibt im Übrigen treffend die kurze, aber intensive Show von EVERY TIME I DIE. Nicht etwa, weil die Band eine Qual für die Ohren gewesen wäre, sondern da die Zenith-typische Soundwand wieder einmal eine Menge Details verschluckte. Diesen Makel kompensierten die Jungs jedoch souverän mit geübten Rockstar-Posen, weshalb aus der eigentlich halbstündigen Zwischenmahlzeit schnell ein vollwertiger Gang wurde. Dennoch sagt mir mein Gefühl, dass eine Band wie EVERY TIME I DIE eher in einen kleinen, verschwitzten Club gehört als auf eine Bühne mit Ausmaßen wie sie die des Zeniths aufweist.

 HEAVEN SHALL BURN live (c) Tatjana Braun
HEAVEN SHALL BURN - Setlist: 01. Awoken, 02. Endzeit, 03. Profane Believers, 04. Counterweight, 05. Forlorn Skies, 06. Voice Of The Voiceless, 07. The Disease, 08. The Weapon They Fear, 09. Black Tears

"Was ist das? - Blaues Licht. - Und was macht es? - Es leuchtet blau." - mit eben genanntem "Rambo"-Zitat lieferten HEAVEN SHALL BURN nach zwanzigminütiger Umbauzeit für Kenner einen gelungenen Gag zum Einstieg, bevor zum logischerweise in blau getauchten Bühnenbild das altbekannte Intro "Awoken" erklang. Dass die Thüringer mittlerweile zu einer richtigen Größe im deutschen Extrem-Metal angewachsen sind, zeigte sich allein schon an der aufgebauten Spannung unter den Besuchern. Als diese sich schließlich im "Iconoclast"-Opener "Endzeit" entlud, gab es für die Münchner kein Halten mehr. Da wurde gemoshed, wahlweise gebanged, und fleißig mitgeschrien. Ohne Frage, HEAVEN SHALL BURN sind zu einer Nummer geworden, die ohne Probleme auch eine große Halle wie das Zenith im Griff hat. Mit ihrem hitgespickten, aber leider überraschungsarmen Best-Of-Set gab es bei dieser Gelegenheit gleich die volle Ladung Melodic Death Metal in seiner brachialsten Form auf die Ohren. Von "Counterweight" über "Voice Of The Voiceless" bis hin zum obligatorischen "The Weapon They Fear" durfte kein Klassiker fehlen. Und das war auch gut so, denn ohne sichere Textkenntnisse wäre es teilweise unmöglich gewesen, aus dem blechernen, undifferenzierten Tongemisch den jeweiligen Song zu erkennen. Meine nicht ganz so HEAVEN SHALL BURN-firme Begleitung erkannte immerhin das Intro "Awoken" mit Gewissheit wieder, beim Rest war es ein Ratespiel. Dass sie dabei eine Randgruppe darstellte, zeigte hingegen die ungebrochene Begeisterung des Publikums. Aber kein Wunder, wer sich so ins Zeug legt und über die Bretter fegt wie die sympathischen Ostdeutschen, hat eine angemessene Rückmeldung verdient. Und so waren die roten Polo-Hemden der Musiker bestimmt nicht die einzigen nass geschwitzten Kleidungsstücke in der Halle, als sich das Quintett nach kompakten 35 Minuten mit dem EDGE OF SANITY-Cover "Black Tears" von der bayerischen Landeshauptstadt verabschiedete. Trotz Schwächen im Sound ein starker Auftritt - den selbst auferlegten Job als Anheizer haben HEAVEN SHALL BURN jedenfalls mühelos aus dem Stand, pardon, aus der Bewegung heraus gemeistert.

 

KILLSWITCH ENGAGE live (c) Tatjana Braun
Schickes Outfit - Howard Jones von KILLSWITCH ENGAGE.

Der Ruf als uneingeschränkt gute Live-Band eilt KILLSWITCH ENGAGE ja nicht gerade voraus. Vielmehr begegnet man diesbezüglich stark geteilten Reaktionen. Umso gespannter war ich, als nach dem abermals flotten Umbau die Lichter aus gingen und die Metalcore-Institution aus Westfield, Massachusetts, nach einem spaßigen Intro zu den ersten Klängen von "My Curse" die Bretter betrat. Und ich sollte letztlich nicht enttäuscht werden. Der Sound war für Zenith-Maßstäbe glasklar und druckvoll, behandelte lediglich die Rhythmusgitarre ein wenig stiefmütterlich. Die Band selbst zeigte sich in bester Spiellaune und nutzte die komplette Breite der Bühne für sich. Sänger Howard Jones war sichtlich gut aufgelegt, scherzte mit seinen Kollegen und lieferte eine schlicht tadellose Gesangsleistung ab. In der Tat gibt es im Genre derzeit wohl nur wenige, welche die komplette Bandbreite von brutalen Screams bis hin zu gefühlvollem Klargesang so souverän beherrschen wie der KILLSWITCH ENGAGE-Fronter. Obwohl sich die komplette Band in einheitliche Garderobe geschmissen und schick gemacht hatte, stahl Gitarrist Adam Dutkiewicz mit seinem exzentrischen Auftreten wieder einmal allen die Show. Ob man sein Outfit, bestehend aus Shorts, Kopftuch und Vampir-Cape, nun cool findet oder nicht - der Mann ist schlicht ein Unikat und versteht es perfekt, die Energie von der Bühne hinab ins Publikum zu transportieren. Als zum Ende von "Fixation On The Darkness" Adams Gitarre ausfiel, war der Herr natürlich nicht um ein passendes Statement verlegen. Mit den Worten, "I´ve broken my guitar....this is what I do in the meantime", setzte er an und leerte einen Becher Bier in einem Zug, nur um dasselbe Spiel unter dem Deckmantel eines Déjà-vus einige Momente später wortgenau zu wiederholen.

KILLSWITCH ENGAGE live (c) Tatjana Braun
Setlist: 01. Intro, 02. My Curse, 03. A Bid Farewell, 04. The Forgotten, 05. Reckoning, 06. Fixation On The Darkness, 07. Rose Of Sharyn, 08. My Last Serenade, 09. The End Of Heartache, 10. Holy Diver

Überraschenderweise nutzten KILLSWITCH ENGAGE die ihnen gegebenen 40 Minuten, um den Münchnern ein ausgewogenes Programm zu präsentieren. Mit "Reckoning" und "The Forgotten" gab es gerade einmal zwei Stücke vom aktuellen Album "Killswitch Engage", konnten dafür aber auch live voll und ganz überzeugen. Der Rest war ein bunter Querschnitt aus den bisherigen Schaffensperioden. "My Last Serenade" durfte genauso wenig fehlen wie "Rose Of Sharyn" oder "A Bid Farewell", bei dem 4000 Kehlen lautstark den Refrain mitsangen - Gänsehaut garantiert! Nach dem tollen "The End Of Heartache" widmete Howard Jones das abschließende DIO-Cover "Holy Diver" eben jener an Krebs erkrankten Legende mit dem Wunsch auf eine baldige Genesung des Mannes, der dem Metal sein Markenzeichen gegeben hatte. Die Menge stimmte in diese Hoffnung auf ihre Weise ein, indem sie noch mal alles gab und aus dem Klassiker im neuen Gewand so den stimmungstechnischen Höhepunkt des kurzen Auftritts machte.

 

IN FLAMES live (c) Tatjana Braun
Suchte zwischen den Songs verstärkt den Kontakt zum Publikum - Anders Fridén von IN FLAMES.

Eine geschlagene halbe Stunde ließen sich IN FLAMES Zeit, bis endlich um 22:20 Uhr das Synthie-Intro von "Cloud Connected" ertönte. Das Bühnenbild war im Prinzip schlicht gehalten, wäre da nicht die zweiteilige LED-Wand im Hintergrund gewesen, die nun die schwarzen Silhouetten der Musiker vor weißem Grund zeigte und im Verlauf des Abends noch für ganz andere Sachen gut sein sollte. Als die fünf Schweden jedenfalls loslegten, verwandelte sich das Zenith in einen Schmelztiegel. Hunderte von Armen wurden in die Höhe gestreckt, es wurde gebanged, gesprungen und der Dame gesetzten Alters neben mir entfuhr sogar ein spontaner Aufschrei der Freude. Dass IN FLAMES der eindeutige Headliner des Abends waren, zeigte sich nicht nur an den Reaktionen des Publikums, sondern auch am kompletten Drumherum. Die Flammenwerfer und Effekte haben die Göteborger wie schon im Vorjahr zwar leider daheim gelassen, aber dafür gab es eine schlicht und ergreifend atemberaubende Lichtshow, die an Opulenz wohl nur schwer zu überbieten war. Damit meine ich nicht nur den riesigen LED-Screen, der mal Szenen des gerade stattfindenden Konzerts, mal abstraktere Muster wie Zahnräder und Funken oder gar den Videoclip zu "The Quiet Place" zeigte, sondern die schiere Flut an Scheinwerfern, die auf die sonst so triste Zenith-Bühne ein irrsinniges Spektakel zauberte.

IN FLAMES live (c) Tatjana Braun
Schien für die Bühne geboren zu sein - Björn Gelotte

Ein solcher Aufwand bringt natürlich wenig bis gar nichts, wenn die Band selbst lustlos ihr Programm runterleiert. Diese Sorge wurde jedoch schnellstens im Wind zerstreut. Mit immenser Spielfreude begeisterten IN FLAMES an diesem Dienstagabend ihre Fans und wurden nicht selten mit einem breiten Grinsen im Gesicht ertappt. Lead-Gitarrist Björn Gelotte schien ohnehin für die Bühne zu leben und war folglich überall anzutreffen, aber genauso Niclas Engelin, der immer noch für den alkoholkranken Jesper Strömblad aushilft, genoss seine Aufgabe in vollen Zügen. Anders Fridén gab erneut den gut gelaunten Frontmann, der selbst gern seine Dreadlocks kreisen ließ und zwischen den Songs gerne mal trocken das Geschehen im Menschenmeer vor ihm kommentierte. So bekam ein Gast direkt das Prädikat "schlechtester Crowdsurfer aller Zeiten" aufgedrückt.

IN FLAMES live (c) Tatjana Braun
Stand nach zehn Jahren wieder mit IN FLAMES auf der Bühne - Niclas Engelin.

Dass bei soviel Energie und guter Laune wie sie IN FLAMES versprühten, sich niemand über den Mainstreamstatus, den die Band im Metal mittlerweile eingenommen hat, ärgern konnte, versteht sich indes von selbst. Zumal neues Material vom Schlage eines "The Mirror´s Truth" oder "March To The Shore" live hervorragend funktioniert. Überhaupt war die Songauswahl in Anbetracht des jüngsten Erfolgs der Band sehr gut zusammengestellt. Dass die letzten beiden Alben mit Songs wie "Take This Life", "Delight And Angers", "Disconnected" und der intensiven Powerballade "Come Clarity", bei der das Publikum Anders zeitweise vom Gesangsposten ablöste, die Setlist dominieren würden, war zu erwarten. Sogar der umstrittene, aber live sehr viel stärkere Achtminüter "The Chosen Pessimist" hatte es ins Programm geschafft. Dennoch gab es abseits des obligatorischen "Pinball Map" sowie dem ewigen Live-Hit "Only For The Weak" noch weiteres Material aus einer Zeit, in der es die D-Mark noch gab. Neben "The Hive" vom "Whoracle"-Album und "Embody The Invisible" aus der "Colony"-Ära ließen es sich IN FLAMES nicht nehmen, vor einer in tiefes rot getauchten Kulisse mit dem göttlichen "Artifacts Of The Black Rain" einen der besten Melodic Death Metal-Songs aller Zeiten anzustimmen. Eine mehr als angenehme Überraschung, die vor allem die wenigen alteingesessenen Anhänger begeistern konnte. Eigentlich eine Schande, dass dieser Meilenstein für so viele Jahre live übergangen wurde. Gleichzeitig markierte der Track kurz nach der Hälfte das Ende der musikalischen Zeitreise, denn ab da an folgten ausschließlich Titel neueren Baujahrs. Bevor die Show im gewohnt grandiosen Finale "My Sweet Shadow" gipfelte, durfte zuvor bei "Take This Life" sogar eine junge Dame aus dem Publikum auf die Bühne kommen, um selbiges für die Internetcommunity auf Video festzuhalten. Um fünf vor zwölf war schließlich Schicht im Schacht, einen aufgesetzten Zugabenblock gab es, wie von der Band gewohnt, glücklicherweise nicht. Aber wozu auch? Die Anwesenden waren sichtlich erschöpft, die Gesichter dennoch zufrieden und aus den im Zeitplan angesetzten 90 Minuten sind letztlich ganze fünf mehr geworden. Macht aber nichts, als Headliner kann man sich das schon mal erlauben, selbst wenn die zeitliche Organisation bei einer Veranstaltung wie dem TASTE OF CHAOS enorm wichtig ist.

 

Weitere Konzertbilder in der Vampster-Fotogalerie.

 

Setlist IN FLAMES:
01. Cloud Connected
02. Embody The Invisible
03. Pinball Map
04. Delight And Angers
05. Disconnected
06. The Chosen Pessimist
07. Trigger
08. The Hive
09. Only For The Weak
10. Artifacts Of The Black Rain
11. March To The Shore
12. Come Clarity
13. Leeches
14. Alias
15. The Mirror´s Truth
16. The Quiet Place
17. Take This Life
18. My Sweet Shadow
 
 
Fotos © Tatjana Braun.


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